...die Eder-Beagle(s)
...die Eder-Beagle(s)

Scheidungs- und andere Waisen

 

In den nächsten Tagen bekommen wir einen neuen Pflegehund. Dessen
bisherige Geschichte - die Geschichte von Rico - bringt mich dazu, ein
paar Gedanken aufzuschreiben, die mich sicher einige Sympathien kosten
werden.

Sei's drum:
Rico kam in Spanien zur Welt. Unter welchen Umständen er die ersten Jahre seines Lebens verbrachte, wissen wir nicht. Allerdings landete er im Januar 2011 in der Tötungsstation in Zaragoza. Dort konnte er von canispro gerade noch so gerettet werden und kam in Spanien in eine Pflegestelle. Aus unklaren Umständen folgte  nach kurzer Zeit der Umzug in eine andere Pflegestelle, wo man feststellte, dass der lebhafte Hundejunge Erziehungsdefizite hat.
(Ja, hallo!! wo soll denn die Erziehung auch herkommen?)
Man gab ihm den Namen Rimbaud (daaaazu an anderer Stelle mehr!) und
konnte den jungen, hübschen Hund bereits im Februar 2011 nach
Deutschland an ein junges Paar vermitteln. Alles sah prima aus. Rimbaud
wurde Rico gerufen und alles schien sich zum Guten zu wenden.
Von langer Dauer war Ricos Glück nicht.


Das nette Paar hat sich getrennt, Scheidung steht an. Den Hund kann
oder will weder er noch sie nehmen, man wird ihm nicht mehr gerecht.
Und er soll bitte schnellstens wieder abgeholt werden, beide Menschen
arbeiten auf einmal den lieben langen Tag, der Hund leidet unter der
neuen Situation und die Menschen sind rundweg überfordert.
Eine Pflegestelle wäre toll. (eine geeignete und erfahrene, mit aktiven
Menschen, die dem Jungrüden mit dem eigenen (Dick-) Kopf das bieten,
was er braucht.  Ich gestatte mir an dieser Stelle,mich etwas geschmeichelt zu fühlen).
W.L. ruft mich an, am 26.06., und schildert die Situation genau so.
Zusätzlich sagt sie, der Hund wäre jetzt unberechenbar und würde
beißen, einmal hätte er beim Hervorgezogenwerden unterm Schreibtisch (?!)
nach dem zukünftigen Ex-Frauchen geschnappt. Also muss der Hund noch
schneller weg, am besten schon gestern.

An der Stelle mit dem Beißvorfall unterbreche ich W. Bring ihn her, wir
gucken mal.
Am Montag meldet sich A.S. und sagt, es wäre schon eilig, aber es ginge
von der Fahrtenplanung erst am Freitag, die wild- und
kurzentschlossenen Menschen müssten sich jetzt wohl oder übel nochmal
ein paar Tage zusammenreißen.  Alles klar.  G. bespricht am Dienstag
mit mir die Fahrt, sie holt ihn um 9.30 Uhr bei seiner "Familie" in
Ludwigshafen ab, wir treffen uns unterwegs zum Übernehmen.

 

So.
(*tieflufthol*)
Da nehmen zwei Menschen einen Hund zu sich, der bekannterweise jung, agil und nicht wirklich erzogen ist.
Schlappe 4 Monate später trennen sich die Leute, und zwar endgültig.
Plötzlich hat keiner mehr Zeit. Alle müssen immer arbeiten. Die
Menschen verändern sich. Der Hund verändert sich. Wird unsicher, bzw.
noch unsicherer, als er vermutlich ohnehin schon ist. Wahrscheinlich
ändert sich sogar der Ton zuhause, den Menschen und dem Hund gegenüber.
Die Menschen sind mit sich selbst beschäftigt und verhalten sich nicht
wie sonst. Der Hund verliert das Vertrauen (das bisschen, das er grade entwickelt hat). Er hat aber sonst nichts und niemanden, als diese beiden Menschen. Irgendwann schnappt er vielleicht sogar. Seine Welt ist - wieder - aus den Fugen.

 

So! Ich glaube doch wohl, es geht los. Innerhalb von schlappen 16
Wochen ist alles anders, alles. Hätte man da vorher nicht ein bisschen
nachdenken können......?
Was war das denn dann mit dem Hund? Wozu sollte er dienen? Als letzter
Versuch? Als Kitt? Oder war alles ganz anderes und der böse Hund ist
gar der Scheidungsgrund!

Ehrlich, ich bezweifle all das. In Berufen wie dem meinem lernt man, zwangsweise, ALLE Sorten von Menschen kennen. Und lernt, manchmal schmerzhaft, dass man den Mitmenschen eben nur vor den Kopf gucken kann.
Achtung!!!! Was jetzt kommt, ist reine Spekulation!! Ich kenne das Paar nicht, womöglich tue ich ihm bitter Unrecht - falls dem so ist, bitte ich vielmals um Verzeihung und hoffe, Sie verstehen meinen Zorn (ein bisschen wenigstens) und jagen mir nicht so viele Anwälte auf den Hals.


Viele Tierschutzmithelfer werden es bestätigen: man hat schon so manche
Story und so manche Rechtfertigung für Gottweißwas anhören müssen.


Ich bitte nochmals um Entschuldigung bei all denen, die mit bangem
Herzen ein Tier abgeben mussten, weil dramatisch veränderte
Lebensumstände - Scheidung, Krankheit oder gar Tod - ihnen keine Wahl
ließen. Ich weiß, dass man sich diese Entscheidung nicht leicht macht,
dass man Tränen vergießt und nach Strohhalmen sucht.
Wenn es in Ludwigshafen so war, dann tun Sie mir von ganzem Herzen leid.

 

Aber oftmals ist die wahre Geschichte eine andere.
Vielleicht hat es sich eben auch so zugetragen:  ein Hund kommt ins
Haus, weil er auf den Bildern wirklich herzzerreißend aussieht und
außerdem tut man ja auch was Gutes!, und lange intensiv nachgedacht
wird dann nicht mehr.
Dann ist er da, der Spanier mit dem Jagdtrieb und der unklaren
Vergangenheit. Und benimmt sich in den ersten Wochen vielleicht sogar,
weil er völlig erschlagen ist,von all den Angeboten, der Zuwendung, dem sicheren Schlafplatz, der Ruhe und dem regelmäßigen Futter - eben von unseren hiesigen Verhältnissen.
Irgendwann ist er richtig angekommen, vermutlich ist es mittlerweile
Frühjahr. Rico taut auf, wird mehr und mehr "er selbst". Sicherlich hat
es Erziehung gegeben, vielleicht hat es auch ganz gut funktioniert  -
aber jetzt passiert das, was immer passiert: Alltag. Der Bonus ist
verbraucht, jetzt soll der Hund endlich Anpassung beweisen.

Möglicherweise tat  Rico aber auch von Anfang an nicht das, was seine Leute von ihm erwarteten, und sie erkennen, dass sie mit diesem Hund niemals
glücklich werden können. Und der Hund nicht mit ihnen. Also muss er
wieder gehen.

Scheidungswaisen......


Leute!!!!!! Hallo!!!! Hirn einschalten!!! Da wird einem ja himmelangst,
was wäre, wenn auch noch Kinder da wären. Pflegefamilie.....?

Zwei Menschen, die sich in naher Zukunft voneinander trennen werden,
schaffen sich einen Hund aus dem Auslandstierschutz an. Der
vermittelnde Verein hat diese Entwicklung nicht vorausahnen können,
weil die Menschen nicht mitgeteilt haben, dass das Leben demnächst
anders läuft. Hätte der vermittelnde Verein auch nur die leiseste
Ahnung gehabt, dass es so kommt, wäre dem Paar kein Hund überlassen
worden. Rico nicht, und auch kein anderer.
Gar keiner.
Für manche Hunde ist es besser, ein wenig länger zu warten. Und manche
Menschen haben keine Hunde verdient. Ich versteh's nicht und tendiere
nach wie vor zu der noch unrühmlicheren 2. Variante. 

 

Okay, ich will mir weitere (Vor?-)Urteile jetzt mal verkneifen und zusehen, dass ich vonmeiner Palme wieder runterkomme.

 

Wir sind sehr gespannt auf Rico.

Ach so...... warum jemand den französischen Romancier Arthur Nicholas Rimbaud, der im 19. Jahrhundert grauslige Gedichte voller Tod, Teufel und beängstigenden Metaphern  verfasste und der ganz offenkundig der Schwermut anheimgefallen war, als Namensgeber für einen Beagle herhielt, habe ich bis jetzt noch nicht rausgefunden........!

 

Liebe Grüße!

Marion

 

 

 

 

 

G.warnte am Telefon noch: der Hund sei im Auto sehr unruhig, sagen die Leute aus Ludwigshafen.

In Butzbach hat alles wunderbar geklappt. Allerdings stellten sich ein paar Fakten heraus, die ich mir schon genau so ausgemalt hatte......

Rico ist am 03.02.11 nach Deutschland gekommen. Laut Impfpass hat er am 15.06.2007 Geburtstag, er ist also nicht 2, sondern 4 Jahre alt.

Er ist ein hübscher, sehr schlanker Hund(11 kg bei 39 cm Schulterhöhe), aber lebhaft bis hektisch. Er springt auf Bänke und versucht auf den Tisch zu kommen, Distanz ist ihm offenbar fremd.

G. erzählt, bei der Übernahme hätte sie den Eindruck bekommen, dass der Huntergrund der "Umsetzung" nicht so ganz der beschriebene ist: zwei Kinder im Kindergartenalter seien da gewesen, beide Eltern zuhause, die Wohnung im 10. Stock einer Hochhaussiedlung.

Rico hat enorm lange Krallen, dafür keine schönen Zähne. Mit Spielzeug kann er offensichtlich nichts anfangen.

 

Das ist keine Scheidungswaise. Das ist der Hund eines Ehepaares mit zwei kleinen Kindern, die es mit diesem Hund in diesem Umfeld niemals gebacken kriegen werden.

 

Das ist nun wieder Stoff für eine andere Geschichte.

 

Im Auto, welche Überraschung, verhält sich Rico über die ganzen 85 km Heimfahrt ruhig. Er liegt in seiner Box, schläft zwar nicht, gibt aber keinen Mucks von sich. Es sieht so aus, als ob er es genießt, dass mal Ruhe um ihn herum herrscht.

Bei uns zuhause wird er gg. 14 Uhr begeistert von Georgia und Buddy in Empfang genommen.

Es folgt ein Nachmittag, der nur aus Toben und Rennen besteht.

Rico rast hin und her und ist nicht zur Ruhe zu bringen. Beim Versuch, eine Leine an seinem Geschirr zu befestigen (um zu schauen, wie es evtl. mit einem Cool-down-Spaziergang wäre) dreht er völlig an Rad und windet sich aus seinem Geschirr.

Er versucht, Buddy zu dominieren und gibt erst nach, als die sich mit ihrem ganzen Gewicht auf ihn wirft und zu Boden drückt, bis Ruhe im Karton ist.

Erst, als alle -Hunde und Menschen - sich in die Waagerechte begeben haben, legt er sich vorsichtig hin. Da war es fast Mitternacht.

 

Eins muss ich noch loswerden: Rico hat vier Monate in der offenbar vierköpfigen Familie gelebt. Sicher hat er dort Gewohnheiten und Vorlieben entwickelt, wie es jeder Hund tut. Vielleicht, was den Schlafplatz betrifft; womöglich hat er Futterunverträglichkeiten..... oder bestimmte Ängste oder Abneigungen.

Wenn ich einen Pflegehund abgebe, bekommt der neue Halter eine Liste mit allen möglichen Informationen, die uns bis dahin zu dem Hund ein- oder aufgefallen sind. Mo z.b. hat ihre Lieblingsleckerlis, eine Schleppi und ein Spielzeug mit ins neue Zuhause bekommen, und ich habe niemals davon gehört, dass das nicht gutgeheißen wurde.

Rico hatte ein geflicktes Geschirr an und ansonsten die Ausstattung, die die LBH jedem Hund mitgibt.

Rico ist in sein neues Leben "mit nix" gestartet, und die Informationen, die wir hatten, haben sich auch noch zum Teil als unrichtig herausgestellt.....

Schade, finde ich. Und auch ein bisschen herzlos. Ich erwarte jetzt nicht, dass von dem Übergeber die Komplettausrüstung vom Körbchen bis zum Futter mitgegeben wird, das ist nicht nötig und ich finde das schon alles selbst raus.

Aber mir drängt sich schon wieder der böse Verdacht auf, das Rico nur Platz machen sollte für den nächsten Hund: einen, der nicht "schwierig" ist, vielleicht?

Das Positive an der ganzen Geschichte ist: Ricos ehemalige Familie hat eingesehen, dass es nicht funktioniert, und ihn wieder zurücknehmen lassen.

Jetzt hat er die Chance auf ein Leben, das ihm gerecht wird. Gut so!

 

.....und ab jetzt aber wirklich:  alles über den schlanken Schönen aus Aragonien in Ricos eigener Rubrik!