...die Eder-Beagle(s)
...die Eder-Beagle(s)

Mezinisches - die Eder-Beagle und die Tierärzte

Im Laufe mehrerer Hundeleben gewinnt man unfreiwillig Einblick in so mache veterinärmedizinische Praktik. Bei uns hielten sich die Tierarztbesuche bislang - zum Glück - in Grenzen, allerdings hat Buddy im Alter von 9 Monaten auch einen *furiosen*  Start hingelegt - mit einer Vergiftung, die sein junges Leben fast beendet hätte. Seitdem gab es nur noch kleinere Malaisen - einige der Pflegehunde waren aber Dauergäste beim Doc....jedenfalls war das bis Sommer 2015 so, dann kam's ganz dicke. Hier

(und in den Pflegestellen-Tagbüchern) sind nun unsere Patienten-Akten :-) - noch nicht vollständig, aber wir arbeiten dran!

Noch eine Tierklinik-Geschichte. Es ist eine andere Tierklinik und ein vollkommen anderes Erlebnis:

 

Nach dem unschönen Motto “Hochmut kommt vor dem Fall” war die Idee, unserem Wanja den quirligen Welpen vor die erstaunte Nase zu setzen, wohl keine gute.

Am Sonntagmorgen (05.10., anderthalb Tage nach Emils Auszug) hatte Wanja nach rund drei Monaten wieder einen epileptiformen Anfall. Am Sonntagmittag den zweiten, den allerdings so schlimm (mit Kot- und Urinabsatz, blutig gebissener Zunge und Lefzen, vor allem aber –erstmals - wildem Umsichbeißen, alles über mehrere Minuten). Nur mit einem unter die Brust gezogenen Badehandtuch gelingt es Vicky und mir, ihn wieder aufzurichten, damit er atmen kann.

Kurze Zeit später rennt er nach draußen. Dann lag er eine Weile regungslos im Garten, und danach bewegte er sich wie auf rohen Eiern.

Abends, gegen halb zehn, noch ein Krampf. Ich rufe unter Tränen die Tierärztin an. Wir verabreden uns in der Praxis. Die Fahrt nach Wetter ist eine der schlimmsten halben Stunden meines Lebens. Wanja hat sich auf der Rückbank zusammengerollt, das macht er sonst nicht

Er läuft aber dann auf eigenen Pfoten in die Praxis, bekommt einen Zugang und mehrere Dosen Valium. Er hat 40° Fieber und muss runtergekühlt werden. Es dauert sehr lange, bis seine Augen ruhig sind, aber dann schläft er, und ich kann ihn wieder mit nach Hause nehmen. Für den Notfall bekomme ich noch zwei Ampullen Valium mit, das soll ich ihm über die Braunüle geben, falls er im Laufe der nächsten Stunden noch einmal krampft – das arme verwirrte Hundehirn muss unbedingt zur Ruhe kommen.

Natürlich ist es nötig, musste ja so kommen. Vorher muss der Zugang mit NaCl gespült werden, nicht einfach bei tobenden Wanja-Extremitäten, aber zu schaffen.

Wiederholen möchte ich es nicht müssen.

Der Tag verläuft für Wanja in Verwirrung und Halbschlaf, er weiß in seinem Drogenrausch nicht, wie er die Beine sortieren soll beim Laufen und fällt dauernd hin, stößt gegen Möbel und Menschenbeine, für ihn sicher ein Graus. Dafür frisst er wie ein Scheunendrescher.

Rücksprache mit der Tierärztin, alles soweit normal, aber sie rät uns dringend zum MRT.

Es dauert bis zum Mittwoch, bis er wieder richtig geradeaus gucken kann. Wir halten absolute Ruhe, bewegen uns leise und weichen keinen Millimeter von der üblichen Routine ab – nicht, dass das Epi-Monster in seinem Kopf wieder aufwacht. Zusätzlich bekommt er passende homöopathische Globuli. Es geht gut.

Freitag früh schirre ich den empörten Hund an, lade ihn in den weich gepolsterten Kofferraum und starte in Richtung Süden, wir haben kurzfristig einen Termin zum MRT in einer Uni-Tierklinik bekommen.

Pünktlich sind wir da. Der Kofferraum hat sich in einen See verwandelt, Wanja hat unglaublichen Streß beim Autofahren und speichelt wie verrückt. Zudem dreht er sich in seinem beengten Abteil wie ein Brummkreisel und stößt ständig mit dem armen Kopf gegen die Gitter.

Ich bin angespannt wie ein Flitzebogen, und 70 km können verdammt lang sein.

Wir finden auf dem unbekannten Riesengelände wider Erwarten die Anmeldung. Ich muss den (eigens zuhause schon ausgedruckten) Anmeldebogen nochmal ausfüllen, weil irgendwo ein Zahlendreher war (dabei wird doch sowieso alles nochmal in den PC getippt?!), und weiß währenddessen nicht, wie ich den nun wie in Beton erstarrten Wanja rüber an das Schreibpult bugsieren soll. Die beiden Angestellten sowie die Telefonistin schauen mir interessiert zu.

Es fängt nicht gut an!

Als ich den korrekt beschrifteten Bogen pflichtschuldig in das Anmeldezimmer zurücktrage, huscht Wanja auf einmal hinter den Tresen und kollidiert beim Versuch, dort drunter zu kriechen, mit einigen Aktenschränken. Das macht ihm Angst. Ich ziehe ihn wieder hinter der Theke hervor.

Nach einigen Zusatzfragen haben wir die Anmeldeprozedur bewältigt. Wir bekommen einen Stapel Ausdrucke und uns wird aufgetragen, uns einige Gebäude weiter in die entsprechende Abteilung zu begeben. Direkt gegenüber der Reithalle. Das wird Wanja gefallen, Pferde mag er.

Es ist schwer, meinen Wanja davon zu überzeugen, denn hier gibt es Kopfsteinpflaster. Das kennt Wanja nicht, und deshalb mag er nicht laufen.

In der neuen Abteilung erfolgt – noch eine Anmeldung. Okay, machen wir und weisen dabei darauf hin, dass Wanja ein Rüde ist (das Kreuzchen hat die Computerfrau von Anmeldung 1 bei „weiblich“ gesetzt). Dann sollen wir warten, im Wartezimmer. Hier ist ein überschnappender altdeutscher Schäferhund zugange, sowie mehrere Kleinhunde, alle laut.

Wanja rollt die Augen. Wir warten draußen.

Nach kurzer Zeit erscheint eine Assistentin und sagt, das MRT wäre heute leider kaputt. Man hätte aber schon versucht, mich anzurufen. Ach, wo denn?

Ja, übers Festnetz. Ich erlaube mir die Nachfrage, warum nicht übers Handy….? Das wäre vielleicht sinnvoller gewesen und ich hätte schon in Marburg wieder umdrehen können, oder wenigstens, bevor ich mich in den morgendlichen Berufschaos-Stadtverkehr habe stürzen müssen.

Sie dreht das Formular um. „ach, da ist ja eine Handy-Nummer!“ Mein Erstaunen verwandelt sich in Resignation. Die junge Frau entschuldigt sich und schlägt vor, ich möge doch noch mal wiederkommen, zu einem neuen Termin. Ich deute auf den Hund in meiner Begleitung, der mit dem Kopf am Türrahmen lehnt und die Augen fast geschlossen hat, und erkläre ihr in einfachen Worten, dass Wanja das nicht zuzumuten ist. Sie schlägt vor, ich möge doch versuchen, in einer der beiden südhessischen Tierkliniken versuchen, einen Ersatztermin für uns auszuhandeln, da ich doch nun schon mal unterwegs sei. Ich schlage vor, sie möge das doch bitte versuchen, sozusagen kraft ihres Amtes.

Sie willigt ein und verschwindet. Nach 25 Minuten gehe ich nachfragen, die Dame an der Anmeldung sagt: „die Kollegin ist dran!“

Oh. Nach weiteren zehn Minuten kommt die junge Frau wieder. Ich räume Wanja zur Seite, der wie festgewachsen, Kopf an der Wand, mitten im Eingang steht und nicht mehr kooperieren will. Die Assistentin teilt mir mit, dass es leider nicht geklappt hat. Aber, neue Idee, wir könnten ja schon mal Blut abnehmen und die Diagnostik machen, einen Zugang legen und all so was…. Ich lege ihr wortlos die ganz frischen Blutergebnisse vor. „Aber sicher fehlt noch was!“ Ja, Ammoniak und die aktuelle Glukose, aber wieso, glauben Sie, dass das MRT in Kürze wieder geht? Nein, nicht vor Montag. Ja, dann brauchen wir auch keine nochmalige Diagnostik.

Sie greift zum letzten Mittel: ob ich kurz mit einem Arzt sprechen wollte. Ja, bitte!

Nach kurzer Zeit werden wir in ein Behandlungszimmer gerufen. Mühsam schiebe ich den apathischen Hund dort hinein. Zwei Veterinäre schauen ihn abschätzend an. „Ist der immer so?“ fragt jemand. Und: „das ist ja gar kein richtiger Beagle!“ Ich beiße gleich.

Die Ärztin ist eine harte Nuss und wohl schon ziemlich desensibilisiert von allerlei schrecklichem Tierschicksal.

Mit der lautesten Stimme, die Wanja und ich je bei einer Frau gehört haben, erläutert sie, dass sie für den technischen Defekt nicht verantwortlich ist und es auch lieber anders hätte. Wanja sackt noch ein Stück weiter in sich zusammen.

Er lehnt den gesenkten Kopf an die Tür. Die Diensthabende redet und redet. Entweder soll ich einen neuen Termin machen oder aber die Wanja jetzt stationär aufnehmen lassen, so dass sie am Montag ins MRT kann. Falls es dann repariert ist. Hoffentlich passiert hier übers Wochenende nichts, wozu man ein MRT braucht. Ich lehne die stationäre Aufnahme des RÜDEN Wanja ab. Wieso? Gegen den ärztlichen Rat? Ich wäre doch nur die Pflegestelle.

Ich wage einen Einspruch und bekomme unerwartet zur Antwort, wenn er so lange nicht durchhält, müsste man ihn eben einschläfern.

Ich merke, dass mir meine weiteren Worte in der Kehle stecken bleiben wollen, erkläre aber dennoch: Dass man ihn ja nicht ohne weiteres einschläfern lassen kann, dass ich wegen der möglicherweise vermeidbaren Kosten Bedenken habe, aber vor allem: Wanja ist ein Angsthund und käme damit nicht klar.

Die Veterinärin wirft einen halben Blick auf ihn und sagt: „Das ist kein ängstlicher Hund.“ Oh?

Wahrscheinlich verfallen in Gegenwart der Frau alle Hunde derart in Apathie, machen keinen Mucks, weichen jedem Blick und jeder Berührung aus, speicheln wie eine italienische Brunnenfigur und stehen mit eingeknickten Vorderläufen und der Rute unterm Bauch da wie eine Allegorie des Elends.

 

Wahrscheinlich ist es besser, jetzt zu gehen, denke ich.

Ein letzter Versuch: ich widerspreche dieser stimmgewaltigen Inkarnation von einem deutschen Fräuleinwunder an Tiermedizinerin. „Woraus schließen Sie das so schnell?“

Sie entgegnet, wie aus der Pistole geschossen, das würde sie ihm ansehen und überhaupt, die Berufserfahrung.

Ich bin geplättet. Was will man da noch sagen?

Weil die Frau nicht gerade ein Ausbund an Sensibilität und/oder Empathie zu sein scheint, rattert sie ohne Punkt und Komma weiter ihren Text herunter: dann nehmen wir ihn jetzt auf, ja, und ich soll mal eben mit meinem Verein sprechen, dass die Kosten abgedeckt sind.

 Ich hole tief Luft und disqualifiziere mich meiner nachfolgenden Entscheidung bei der Frau Doktor für immer, was eventuelle zukünftige Behandlungen hier betrifft. Was mir wiederum auch egal ist, da ich garantiert mit keinem Hund mehr nach G. fahren werde.

Ich teile ihr mit, dass ich jetzt mit meinem RÜDEN nachhause fahren werde, er werde nicht hier übers Wochenende in eine Box gesperrt, wo er wahrscheinlich sediert bis Montagmittag vor sich hin dümpelt. Er werde auch nicht nochmal hier vorgestellt, wir machen einen neuen Termin, aber woanders, und wenn ich bis nach Hannover fahre. Und mit der Blitzbeurteilung, ob es sich um einen Angsthund handelt oder nicht, läge sie leider sowas von daneben, das unser Vertrauensverhältnis hiermit leider unwiderruflich zerrüttet sei.

Leider kommen meine Worte nicht so brachial aus meinem Mund, wie ich es mir wünsche - die Rede fällt mir schwer, weil meine Kehle so eng ist, vor Wut, Hilflosigkeit und einem schon seit einer Stunde unterdrückten Heulkrampf.

Sie versucht noch zweimal, mich zu unterbrechen, hält dann aber endlich die Luft an.

Sie sortiert mich und Wanja gerade gedanklich in die Schublade „hysterische Tierschutztrulla mit ausländischer gestörter Straßenmischung“ und vergisst uns beide sofort wieder. Ich würde dem unsensiblen Trampel, das den Kurs „Umgang mit Patienten“ wohl geschwänzt hat, jetzt sehr gern eine seiner Befähigung angemessenere berufliche Alternative vorschlagen. Wegen meines mittlerweile desolaten Zustandes verzichte ich aber dann lieber auf eine Verlängerung dieser abgedrehten, nutzlosen Konsultation.

Beherzt greife ich an ihr vorbei nach der Tür und gehe mit Wanja hinaus.

Draußen fangen sofort die Tränen an zu laufen. Passanten schauen mich auf dem Weg zum Auto neugierig-mitleidig an. Als ich meinen Hund in den Kofferraum verfrachte, spüre ich, wie stark er zittert. Weil ich inzwischen selber zittere, drücke ich ihn mal fest. Er sieht mich mit seinen großen runden Augen ratlos an. 

Bevor nun jemand denkt, ich müsste mal ein paar größere Untersuchungen an meinem Kopf vornehmen lassen: Ich bin normalerweise nicht so schwierig. Vielleicht hat die Chemie zwischen mir und meinen Ansprechpartnern einfach nicht gestimmt. Vielleicht war die Veterinären zu größeren gedanklichen Transferleistungen einfach nicht in der Lage und deshalb nicht fähig, sich in Wanjas Situation hinein zu versetzen.

Vielleicht habe ich heute einfach meinen oberempfindlichen Tag. Vielleicht reagiere ich, weil es um Wanja geht, der seit zwei Jahren bei mir ist, der schon eine Menge furchtbarer Dinge erlebt hat und trotzdem immer nur sanft und lieb ist, einfach über.

Vielleicht bin ich durch den bisherige Kompetenz der Tierärzte, die ich kennengelernt habe, auch verwöhnt.

Es ist nicht das defekte MRT oder der nicht rechtzeitig ergangene Anruf, das alles ist entschuldbar und könnte über „dumm gelaufen“ verbucht werden. Es ist die Art, mit der hier über meinen Hund (auch als „nur“-Pflegestelle ist er MEIN Hund!) und auch über zahlende Kunden hinweggebraust wird. 

Endlich wieder zu Hause, schaut Wanja sich auf einmal staunend um, erwacht bemerkenswert flott aus der Agonie und rast, mit fliegenden Beinen und tropfnass gespeichelter Brust, in seinen Garten J Dann verschläft er den Rest des Tages. Ich für meinen Teil erhole mich nicht so schnell von dem Erlebnis. Sie sind betroffen?

Dann sagen Sie Ihren Tieren, sie sollen gefälligst keine Baustellen mit ins neue Heim schleppen, sie sollen gefälligst gesund bleiben, und wenn sie schon irgendeine Krankheit haben müssen, dann bitte eine, die sich zweifelsfrei und kinderleicht diagnostizieren und unfallfrei behandeln lässt!

 

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Sometimes there’s things a man cannot know

Gears won’t turn and the leaves won’t grow

There’s no place to run and no gasoline

Engine won’t turn and the train won’t leave

Engines won’t turn and the train won’t leave.

 

I will stay with you tonight

Hold you close ‘til the morning light

In the morning watch a new day rise

We’ll do whatever just to stay alive

 

Do whatever just to stay alive.

 

(José Gonzalez, Stay alive)