...die Eder-Beagle(s)
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Georgia, Tierklinik Hofheim

 

 

Am 16.Mai 2014 habe ich mit Georgia um 9 Uhr einen Termin in der Tierklinik Hofheim, zum CT. Pünktlich sind wir da, es gibt auch noch Parkplätze, am Empfang werden wir freundlich und routiniert aufgenommen.

Um 09.25 Uhr lernen wir Dr. Delfs kennen, der uns nach der Anamnese ausführlich über die möglichen Ursachen (bis hin zum Nervenwurzeltumor - was es nicht alles gibt...mir wird ganz flau) Therapien und Risiken informiert. Dann geht's zur Sache: Georgia ist nicht irritiert, als die Leine aus meiner Hand in des Doktors Hand wechselt - aber als ich nach links abbiege und sie nach rechts gehen soll, schaut sie mich an, als wollte sie sagen: "Das ist jetzt aber nicht dein Ernst!!" In einer Stunde soll ich wieder da sein. Bin ich auch, aber es dauert noch. Ich setze mich in den Warteraum.

Bei Humanmedizinern sieche ich in Rekordzeit vor Langeweile dahin. In der Tierklinik ist es stattdessen spannend: es gibt so viel zu gucken. Um 10 ist der Parkplatz proppenvoll.
Ich habe das dringende Bedürfnis, einen Hund zu streicheln. Auswahl gäbe es reichlich: einen in Würde ergrauten Ridgeback, dessen Gesicht in tiefe Fakten gelegt ist. Einen glänzend schwarzen Labrador und eine Labbi-Blondine. Der Schwarze hat eine faustgroße Zubildung an der Seite. Der Riesenschnauzer, der schon vor uns auf dem Parkplatz war und im Kofferraum liegend von einer Ärztin begutachtet wurde,  wird nun auf einem Tischchen hereingerollt, das Frauchen am Frankfurter SUV telefoniert weinend.  Einen Eurasier, zwei Berner Sennen, mehrere Kleinhunde. Ein Briard. Ein riesiger intakter Doggenrüde, gestromt, betritt das Foyer, ein Raunen geht durch die Anwesenden (Menschen und Hunde). Bei ihm erscheint eine Ärztin, der der Hund im stehen locker den Kopf auf die Schulter legen könnte. Ein Boxer im Thundershirt defiliert vorbei .
Bei einem besonders schönen Rüden vertreibe ich mir die Zeit mit Rassen-Raten: ich tippe auf Collie, aber Kurzhaar. Ich frage das Frauchen und freu mich, als ich richtig liege. Der Collie heißt Otis.
Wer auch nach 90 Minuten nicht mehr auftaucht, ist der von mir ursprünglich mitgeführte Beagle. Der ist im CT (vielleicht auch mittlerweile MRT) geparkt. Ob die Diagnostik, die sich daran anschliessen soll, doch schwierig ist? Das Wartezimmer ist inzwischen genauso voll wie der Parkplatz, aber im Gegensatz zu den meisten Menschenärzten ist hier ein vernünftiges System etabliert - es herrscht eine ständige Bewegung unter Hunden und Menschen.
Wieso sind eigentlich so viele Hunde da? Eine einzige Katze kommt, clevererweise in einer Box.
Die Patienten werden mit einem Mix aus Tier- und Haltername aufgerufen: Georgia Weigel heißt das bei uns.
Ein blonder Riesenbrocken von Retriever wird von einer Helferin vorbeigeführt. Er kracht mit noch nicht ganz verdauter Restnarkose mitten ins Foyer und ist durch nichts zum Aufstehen zu bewegen. Labradore, Retriever und die vielen Kleinhunde scheinen das Gros der (heutigen) Patienten zu stellen.
Es herrscht eine ruhig Atmosphäre. Auch bei noch so aufgeregten Neuankömmlingen bellt kaum einmal ein Hund. Die meisten Menschen hingegen gucken betreten und nachdenklich, alle suchen den Kontakt zu ihrem Tier. Niemand ist genervt oder ungeduldig. Gelegentlich hallen vom Empfang die Summen der Beträge herüber, die gerade kassiert werden. Ich werde mit dem, was ich nachher bezahle, einer der bisherigen Spitzenreiter sein - aber es ist auch gerade nicht OP-Patienten-Abholzeit (die ist grundsätzlich nachmittags von 14 bis 15 Uhr).
Um viertel vor zwölf kommt unser Arzt und bittet mich zum Gespräch. Ich schaue mich etwas ratlos in dem Raum um: keine George da!
Die gute Nachricht ist: eine OP wird es erstmal nicht geben. Die schlechte ist: das abgebrochene Knochenstück ist nur ein Nebenbefund und noch nicht mal ursächlich für Georgias Beschwerden.
Der Befund im CT war unklar (Bandscheibenvorfall?),  weshalb ein MRT darübergelegt werden musste.
Fündig geworden ist man allemal, leider gleich auf mehreren Baustellen. Zum einen hat Georgia mit ihren 5 Jahren schon Spondylosen in der Wirbelsäule. Zum anderen sind beide Schultergelenke nur bis zu einem viel zu geringen Grad beweglich. Georgia hat hochgradig Arthritis und Arthrose, zudem viele schon chronische Muskelfaserrisse in den Schultermuskeln. Die Ursache für alle das ist Verschleiß, vielleicht begünstigt durch Unfall/Überlastung. Das Wirbelfragment ist bereits von Zubildungen umgeben, ist also schon lange da, wo es jetzt ist.
Aber Schmerzen müsste sie eigentlich schon lange haben. 
Ich sage, ich bin gar nicht sicher, ob das alles nun eine gute oder eine schlechte Nachricht ist. Eine OP hätte die Ursache vielleicht mir einem Schlag behoben, bestätigt Dr. Delfs mir, birgt aber natürlich auch Risiken. Arthrose, Arthritis und Spondylose ist war eine echt doofe Kombination, die sich aber mit der richtigen Medikamention in den Griff bekommen lässt.
Der Arzt sagt, eine Therapie mit hochdosiertem Cortison, in Kombination mit Physiotherapie, wäre das einzig richtige. Wenn es mit dem Cortison nicht besser wird (sobald die richtige Dosierung gefunden ist), käme noch eine Gelenkbiopsie in Frage. Es sei aber eigentlich egal, was dabei herauskommt, da die Behandlungsmöglichkeiten bei allen Arten von Rheuma ähnlich seien - und welche Form von Rheuma es nun genau ist, müsse man nicht exakt wissen. Fakt ist, es ist eine degenerative Erkrankung. Ob Georgia ein Versuchshund sei. Dr. Delfs sagt nicht weiter, nur, dass die Befunde bei Laborhunden häufig komisch wären.
Ich werde nun jedenfalls nicht länger die Behauptung vertreten können, dass Georgia in einer Mission zur Parasitenbekämpfung tätig war. Der Name des Instituts, aus dem sie kommt, steht jedenfalls auch noch für ganz andere Dinge....:-(
Die Tür geht auf, mein Hund kommt rein - und wedelt den Arzt an. Mit mir scheint sie gar nicht mehr zu rechnen. Naja, dann doch. Sie trägt den kleinen blauen Verband am rechten Hinterlauf. Weil sie sich den Zugang schon mal selbst entfernt hat, sind überall kleine Blutspritzer, die der Doktor noch schnell abwischt.
Spazierengehen ist erstmal nicht erlaubt, Schonung ist angesagt. Nach ungefähr zehn Tagen soll ich per email mitteilen, wie der Zustand ist, dann wird man weitersehen. Wir bekommen noch das Medikament und die Rechnung. Aus einer beachtlichen Batterie Ärzte-Visitenkarten bekommen wir "unsere" noch herausgesucht, dann dürfen wir gehen.
Georgia geht freudig mit und schaut immer wieder zu mir hoch: du lässt mich aber jetzt nicht wieder hier, gelle?
Neben dem Ausgang sitzt der Briard und möppert schlechtgelaunt vor sich hin. Ein Whippet mit Bauchverband kommt uns etwas wackelig vom Gassi mit der Helferin zurück. Ich bin froh, dass ich meine Beagledame mit nur einem kleinen blauen Verbändchen wieder mitnehmen kann - das ist bei den meisten ja Standard :-)
Auch wenn der Anlass nicht schön ist: die Tierklinik kann ich empfehlen! Furchtbar gern hätte ich die Geschichten hinter den Menschen- und Hundegesichtern kennengelernt.
Und die ganze Zeit war mir bewusst: für alles, was hier mit den Tieren geschieht, für jedes Diagnose- und Operationsverfahren, jedes Medikament und jede Therapie - haben wahrscheinlich Beagle wie Georgia den Kopf hingehalten.
Vor den Tierkliniken sollten Denkmäler in Beaglegestalt stehen.
Ich wünsche von Herzen all den vierbeinigen Patienten "Gute Besserung" und den Menschen, die sich um sie sorgen, Hoffnung.