...die Eder-Beagle(s)
...die Eder-Beagle(s)

Mornac, eine Stadt im Départment Charente, im Südwesten Frankreichs, fast schon an der Atlantikküste. Cognac ist ebenfalls ein Name, der mit der Charente in Verbindung gebracht werden darf: nur die in dem gleichnamigen Arrondissement destillierte Spirituose darf den edlen Namen tragen.

Cognac. Selbigen bräuchte ich, am besten in doppelter Form, wenn ich mir unseren zukünftigen Pflegehund auf dem schrecklichen Tierheim-Foto und dem dünnen Text anschaue.

Bibi heißt er. Ein gut fünf Jahre alter Rüde, ein Beagle-Griffon-Mix (angeblich - wir werden sehen), der Vermittlungstext spricht Bände: "Dringend - Hund in totaler Panik", die Sorte, die im Tierheim jämmerlich zu Grunde geht und niemals vermittelt wird, weil die Angst vor dem Menschen zu tief sitzt.

Das Tierasyl von Mornac ist zudem ja ein französisches Tierheim. Auch französische Tierheime sind keine Luxusherbergen. Wie jeder weiß, zahlt der französische Hundebesitzer keine Hundesteuer und hat auch sonst, im Vergleich zu dem handelsüblichen deutschen Hundebesitzer, eine sehr konträre Einstellung zum Tier.

Es gibt eine Vielzahl von Meuten, zusammengesetzt aus einer Vielfalt von mittleren und großen Jagdhunderassen. Spurt der Jagdhund nicht, wird alt, krank oder benimmt er sich sonstwie daneben, bringt der Jäger ihn (in den meisten Fällen) ins Tierheim. Dort wird sich sehr bald herausstellen, dass er nicht zu vermitteln ist, denn die Franzosen mögen die Jagdhunde gar nicht.

Der Hund landet nach einer gewissen Zeit in der Tötungsstation. Frankreich, La Grande Nation, hochkultiviert, ist das Land mit den meisten Hundetötungen in Europa.

Bibi (und einige andere) hatte das Glück, einer Tierschutzorganisation aufzufallen, die ihn mit weiteren 3 Beagle wiederum an die LBH weitergibt. In Kürze erfolgt der Transport nach Aachen, von dort wird er zu uns in die Pfelgestelle kommen.

Ich erwarte einen Hund wie Mikey: verstört, verwahrlost, im chronischen Angstzustand. Eine echte Aufgabe also. Mal wieder.

Ich bin ein bisschen ratlos: sind wir jetzt die "Spezialpflegestelle" für die schweren Fälle? Wie ist das passiert?!

Werde ich irgendwann auch mal wieder so einen kleinen, süßen, hübschen Beagle ohne schwerwiegendes Trauma in Pflege nehmen dürfen, der natürlich auch ruckzuck vermittelt ist und dessentwegen man keine unzähligen schlaflosen Nächte haben muß?

Bibi wird am Ende seiner fast 1200 km langen Reise zu uns auf jeden Fall nicht diesen blöden Namen behalten, das steht schon mal fest. Vielleicht werden wir ihm einen Namen aus "Les Misérables" geben. Nichts könnte passender sein! Aber nicht Jean Valjean (allerdings nur, weil sich das wirklich schlecht rufen lässt)!

Eigentlich.....sollte Bibi (*28.03.2007) ja unbedingt einen weniger weinerlichen Namen bekommen. Er sollte sogar einen großen, am besten königlichen Namen bekommen.....wir hatte "Louis" favorisiert, oder auch "Hugo". "Joly" wäre eventuell noch eine Alternative.

Mittlerweise denke ich, er wird "Bibi" bleiben.....denn: der Name passt. Und er reagiert ansatzweise darauf. Machen wir es ihm also nicht noch schwerer. 

Bibi ist hübscher, langbeiniger Mix aus Beagle und Griffon bleu (der Beagle überwiegt aber, zumindest äußerlich - Näheres kann man momentan noch nicht sagen). Der Griffon hat wohl ist für die latenten Flecken ("bleu") im Fell gesorgt, der Beagle offensichtlich für den Rest....!
Bibi  ist unterernährt (14 kg bei 52 cm Rückenhöhe)  und in recht schlechter Verfassung (aber, im Gegensatz zu einigen anderen vierbeinigen Transport-Kollegen, Ungeziefer-frei!),
sowohl körperlich als auch psychisch, möchte ich sagen....  
Somit bekommt die Bezeichnung "Pflegestelle" genau diese Bedeutung: Bibi muss erst ein bißchen aufgepäppelt werden. Immerhin frißt und trinkt er (aber sehr bedacht und vorsichtig, immer mit einem Rundum-Scan in die Gegend).
Auf Geräusche oder Gegenstände reagiert er eigentlich nicht weiter, aber er hat offensichtlich mit den Menschen nur schlechte Erfahrungen gemacht.  Aber auch die lange Fahrt hat ihm mit Sicherheit sehr zugesetzt. Den Sonntag hat er einfach nur schlafend verbracht, an unterschiedlichen Ruheplätzchen.
Ich bin noch gar nicht sicher, wie ich mich ihm nähern kann. Anfassen läßt er sich noch nicht. Wenn es doch zwingend nötig ist (um z.B. aus der Auto-Box herauszukommen) ergibt er sich schreckensstarr in sein Schicksal.  An solche schönen Dinge wie Gassigehen (oder schmusen!) ist bei uns also noch nicht zu denken. 
Als vertrauensbildende Maßnahme geben wir ihm erstmal einfach Zeit. Und gutes Futter.
Immerhin schaut er uns jetzt schon an (anfangs hat er immer sofort den Kopf weggedreht: oh Gott, MON DIEU, guck mich bloß nicht an!!!), und die Rute klemmt auch nicht mehr die ganze Zeit unter der Brust....einmal hat er sogar schon mir dem Schwanzspitzchen gewedelt, ein bißchen.
Von den anderen Hunden möchte er nichts wissen. Wie auf Samtpfoten schleicht er durch die Gegend....fast lautlos, oh Gott, hoffentlich bemerkt mich keiner.....! Wir sind aber zuversichtlich, dass unsere Spezial-Härtefall-Auftauspezialistin Buddy irgendwann einen Draht zu ihm findet!

Bis dahin ist Bibi ein Paradebeispiel für Beschwichtigungssignale: Wegschauen, Kopf drehen, über die Nase lecken, gähnen, rückwärts gehen.

Wenn plötzlich jemand in sein Sichtfeld kommt, knurrt er. Das Knurren geht dann in so eine Art Maunzen über, er meint es nämlich mit Sicherheit nicht "so". Bibi ist ein sehr ängstlicher, aber äußerst sanfter und lieber Hund. Es wird eine Weile dauern, ihm sein Vertrauen zurückzugeben, aber er schafft das schon, da sind wir zuversichtlich! Bis dahin gähnen wir Bibi an, parlieren ein wenig französisch mit ihm und hoffen, dass er uns nicht ausbüxt.

Mit Bibi haben wir einen schweren Fall von Angst-Hund ins Haus bekommen. Bibi ist offenbar noch traumatisierter, als Mikey es letztes Jahr war. Bibi stellt eine ganz andere Herausforderung dar, ich hoffe, es gelingt uns, ihn etwas aus der Reserve zu locken.  Der arme Kerl....was mag er erlebt haben? Andererseits: Mikey ist heute noch ängstlich, aber man kann gut mir ihm klarkommen. Und niemand hängt so an mir wie Mikey....ich hoffe, Bibi lernt dieses Gefühl auch bald kennen.  
Einstweilen liebe Grüße
....und wie der Franzose zu sagen pflegt: Bonne Nuit!

Ich dachte, ich hätte – durch Mikey – etwas Erfahrung mit Angsthunden. Wenigstens ein bisschen.

So ist es wahrscheinlich auch, aber seit Bibis Ankunft bei uns weiß ich, dass ich nichts weiß – um es mal den alten Sokrates mit ins Spiel zu bringen….

Gar nichts weiß ich. Bibi belehrte mich eines Besseren. 

Seit 10 Tagen ist Bibi jetzt bei uns, und es hat den Anschein, als hätte er allmählich ausgeschlafen...! Zwar schläft er noch immer mehr als unsere anderen Hunde, aber er wirkt nicht mehr so "weit weg" und verhält sich in seinen wachen Phasen nicht mehr so schrecklich stumpf.

Was ist ihm widerfahren? Wurde er misshandelt, nicht sozialisiert, wie hat er gelebt? Seit April 2012 ist er in dem Tierheim gewesen. Was war vorher? Seine Ohren sind eingerissen. Er wurde uns als Beagle-Griffon-Mix offeriert. Von der Morphologie her scheint aber eher ein Poitevin mitgemischt zu haben: er hat etwas Windhund-Artiges. Griffon-like ist eigentlich nur die Fellzeichnung, er hat latente schwarze und braune Flecken im Fell, aber nur in den weißen Partien.

 

In den ersten Tagen hatten wir ernsthaft die Befürchtung, Bibi hat ein so schweres Trauma, dass er nicht integrierbar ist (er zog sich so sehr zurück, das wirklich kein Herankommen an ihn war; wollte weder von Hunden noch von Menschen etwas wissen; verkroch sich regelrecht in die abgelegensten Ecken; ließ sich dann am Ende des Tages völlig apathisch ins Haus tragen; fraß zwar, aber nur so, dass er gerade mal kein Loch im Bauch mehr hatte; trank dagegen Unmengen von Wasser; schlief wie ein Stein - so, dass er nicht mal merkte, wenn jemand dicht an ihm vorbeiging).

Das hat sich aber zum Glück wohl als Fehleinschätzung erwiesen.

 

Eigentlich hatte ich sogar Angst, dass er die Strapaze nicht überlebt. Er hat sich so sehr in seine eigene Welt zurückgezogen, wie in einen Kokon. Seine Augen waren völlig leer.

Mitte der Woche fing er dann aber an, das Gesicht in die Sonne zu halten und seine Umgebung zu beobachten.

Er beobachtet ständig, dreht auch ständig den Kopf, sieht sich um, sichert nach allen Seiten. Er ist keineswegs entspannt, beobachtet nicht aus Interesse, sondern aus seinem Sicherheitsbedürfnis heraus. Auf vielen unserer Fotos wirkt Bibi stolz und schön, er scheint zu lächeln. Der Eindruck täuscht aber. Sein Rücken ist zwar nicht mehr aufgekrümmt, wie es in den ersten Tagen ständig der Fall war, aber bewegt sich immer noch sehr angespannt.

Wenn man sich ihm nähert, geht er rückwärts, voller Unruhe trippelnd und immer noch alles im Blick, bis er endlich eine Gelegenheit sieht und verschwinden kann.

Positiv ist, dass er wieder angefangen hat, sich zu putzen. In den ersten Tagen hat er keine „Körperpflege“ betrieben, er war schmutzig, Sekret überall, verklebtes, miefiges und fettiges Fell. Irgendwann nachts fing er langsam an, sich sauberzulecken.

Am nächsten Tag bin ich mit dem Furminator zu Werke gegangen….nur wenige Minuten, bevor es ihm unangenehm werden konnte, haben wir aufgehört, aber der Anfang zur Fellpflege ist schon mal gemachtJ.

  

Die Hunde scheinen Bibis emotionale Schieflage zu spüren, sie verhalten sich ganz ruhig.

Buddy hat bei uns die Rolle des souveränen Ersthundes. Bibi orientiert sich auch tatsächlich an ihm, läuft ihm hinterher, schaut zu, greift aber (noch) nicht ein. Bibi beobachtet auch ganz genau das Zusammenspiel zwischen Buddy, Mikey, Georgia und uns Menschen.

Buddy nahm (wie erwartet) als Erste Kontakt zu ihm auf, forderte ihn zum Spielen auf - und Bibi hüpfte auch kurz mit!

Aber weil er noch überhaupt keine Muskelmasse hat, musste er nach ganz kurzer Zeit passen. Bibi fällt auch hin, wenn er versucht, zu rennen, und schafft es auch noch nicht, eine Böschung ohne Unfall zu erklimmen. Seine Gelenke sind das, was man durchgetreten nennt: die Bänder und Sehnen sind die Bewegung nicht gewöhnt, die Gelenkköpfe stehen knotig hervor.

(das kenn ich: Georgia fiel am Anfang immer in den Bach, wenn sie versuchte, es Buddy gleichzutun und drüberzuspringen).

Georgias Quietschies haben es ihm aber angetan! Schon nach ein paar Tagen nimmt er sich vorsichtig ein Spielzeug aus der Kiste und wandert damit durch den Garten. Er geht langsam, wie ein Rekonvaleszent im Sanatorium. Aber vor sich hin quietschend! Und immer mit so einem erstaunt- verlorenen Ausdruck im Gesicht, wie im Traum. Schon wieder ein Grund zum Heulen….!

Glücklicherweise ist auch Bibi mit unseren Hunden kompatibel…..wenn er vor denen genauso viel Angst hätte, hätten wir ein großes Problem. Indem er sich aber an ihnen orientiert und sich Buddy anschließt, erlangt Bibi ja auch ein Stück Sicherheit.

Eines der schönsten Erlebnisse mit Bibi war bis jetzt, als er zum ersten Mal hinter der ganzen Meute mit ins Haus lief.

Es ist ja auch keineswegs selbstverständlich, dass er sich überhaupt im Haus aufhalten mag! Genauso gut hätte es ja sein können, dass er in geschlossenen Räumen völlig am Rad dreht. Aber im Gegenteil: er legt sogar seine ständige Wachsamkeit ab, schläft tief und fest in seiner jeweiligen Ecke und hat mit dem Thema „Raum“ offenbar kein Problem.

Allerdings hat er Schwellenangst (wie so viele Hunde), möchte nicht durch Türen gehen, scheut sich vor engen Fluren. Aber daran kann man arbeiten.

 

Er frisst langsam, nähert sich ein anderer Hund, gibt er sein Futter auf. Bibi bekommt daher mehrere kleinere Mahlzeiten am Tag. Zusätzlich bekommt er Hüttenkäse mit Banane, Ei, Leberwurst.....heute hat er Käse für sich entdeckt. Leckerlie kennt er nicht, Kausachen sind ihm auch fremd (leider). Aber einen Knochen hat er schon abgenagt.

Bibi bekommt Bachblüten und Schüßler-Salze. 

 

Seit Freitag kann er Treppen laufen, sowohl hoch wie auch runter. Das ist eine große Erleichterung für mich und führte dazu, dass die Stubenreinheit sich gebessert hat.

Mittlerweile haben wir nur noch eine Pfütze pro Nacht im Flur, ansonsten geht Bibi mit den anderen raus (und wenn wir Glück haben, auch wieder rein - aber manchmal muss ich ihn auch holen).

Bei Dunkelheit ist es anfangs ein paar Mal passiert, dass er mich nicht erkannt und angeknurrt hat. Sobald man sich zu erkennen gibt, ist es gut.

 

Bei Dunkelheit hat Bibi mehr Angst. Er zieht sich zum Schlafen gern in unser Gerätehäuschen zurück, da liegt noch ein Rest Stroh auf dem Boden, dort haben wir ihn nach aufgeregter Suche an den ersten Abenden gefunden, kaum zu sehen zwischen Rasenmäher und Heckenscheren…. man könnte glatt heulen, wirklich.

 

Nach einigen Tagen versuchten wir, ihm das Schmusen schmackhaft zu machen: vorsichtig streichelten wir ihn seitlich am Hals, unterm Kinn, an den Flanken. Geheuer war ihm das nicht, er sah sehr erstaunt aus und wäre wohl am liebsten geflüchtet. Wahrscheinlich empfindet er Nähe und Zuwendung als Bedrohung, zumindest ist es ihm fremd.

Seit kurzem darf man ihn mit beiden Händen am Kopf anfassen! Aber vorsichtig und langsam (danach muss ich immer erst mal Buddy oder Georgie oder Mike feste knuddeln – die mögen das wenigstens richtig und man muss sie nicht behandeln wie ein rohes Ei….;-)). Bibi gibt dann ganz leise Brummgeräusche von sich und dreht ein bisschen den Kopf hin und her. Am Rücken oder am Körper will er sich noch nicht berühren lassen.

 

Seit gestern machen wir minutenweise die Leine am Geschirr fest und führen ihn auch mal ein kleines Stück. Die ersten Meter waren schrecklich: er überschlug sich fast vor Angst, dreht sich panisch herum, Augen wie Untertassen, stolpert los, läuft ganz geduckt und so schnell er nur kann. Das ist so traurig. Was machen? Still stehenbleiben, leise mit ihm sprechen. Noch ein paar Minuten. Leine wieder ab.

Wenn er durch den Garten läuft und keiner der anderen Hunde in Sicht ist, scheint er sie zu suchen: er macht so ganz leise, unsichere Maunz-Laute.

 

Das wichtigste ist wahrscheinlich, ihm Sicherheit zu geben. Er soll lernen, dass er sich auf uns (auf mich) verlassen kann; dass ich immer weiß, wie ich mich verhalten muss; dass ich immer die Gute bin; dass ich die Dinge immer auf die gleiche Weise tue. Dass ich eben nie schreie, nie ungeduldig werde, nie böse bin, nie dränge. Ich muss selbst sicher sein, damit Bibi sich daran orientieren kann.

Das ist ein hoher Anspruch.

Im Moment ist das Ziel, dass er uns, wenn schon nicht als „gut“, so doch wenigstens als „nicht böse“ einstuft. 

Man braucht Geduld, unendlich viel. Ungeduld im falschen Moment würde vielleicht alles bisher Erreichte zerstören.

Die Herausforderung ist es, einen Mittelweg zu finden: zwischen „Bibi in Ruhe lassen“, aber „Bibi nicht sich selbst überlassen.“

Zwischen „Bibi an Streicheleinheiten gewöhnen“, aber „Bibi nicht bedrängen“.

Und irgendwann einmal zwischen „Grenzen setzen“ resp. „nicht alles durchgehen lassen“ und „Stress durch Sanktion“.

Einige Verhaltensregeln haben wir uns aber bewusst gemacht: nicht direkt anschauen, ruhig mal zur Seite schauen. Blinzeln. Einen Bogen gehen. Nicht im Weg stehen. Und:Gähnen ist ein richtig guter Tipp!

Wir sprechen leise mit ihm, aber viel. Wir beugen uns nicht über ihn und berühren ihn möglichst nur seitlich. Wir hocken uns hin. Wir loben auch nur leise und leicht, keine Überschwänglichkeiten, kein Lärm, keine Unruhe, erst mal kein Streß.

Wir bewegen uns behutsam, immer mit dem Blick darauf, wozu Bibi schon bereit ist. Weniger ist zum jetzigen Zeitpunkt mit Sicherheit mehr. 

 

Das allerwichtigste jedoch ist: Ruhe und Zeit. Bibis Fortschritte werden in Tagen nicht zu messen sein, es wird vermutlich eher Wochen und Monate brauchen.

Angsthunde sind ohnehin nichts für Menschen, die schnelle Erfolge erwarten.

Einen Hund wie Bibi aufzunehmen, das ist eine besondere Entscheidung. Jede Veränderung wird für Bibi wieder ein Schritt zurück sein.

Aber mit der Zeit wird er mit den Veränderungen zurechtkommen können. Hunde sind anpassungsfähig, und es soll ja nicht schlechter werden, sondern immer nur besser.

Den Halter eines Angsthundes machen die kleinen Momente glücklich: winzige Fortschritte lassen einen fast in die Luft springen vor Glück.

Zwischen „meinem“ Angsthund Mikey und mir ist eine ganz besondere, besonders feste und tiefe Beziehung entstanden. Irgendwann kommt der Tag, wo man erkennt, dass die Mühe sich gelohnt hat, dass das Band doch nach und nach fester geworden ist.

So wird es nach einiger Zeit auch bei Bibi sein, und diejenigen Menschen, die sich für ihn entscheiden (doch, es gibt solche Menschen auf der Welt, die sich das zutrauen!), werden feststellen, dass sie das große Los gezogen haben.

....hier der Link zu Bibis Vermittlungsseite: http://www.laborbeaglehilfe.de/beaglejagdhunde-aus-europa?sobi2Task=sobi2Details&catid=20&sobi2Id=2472

Oh je, es wird ja dringend Zeit, etwas von Bibi zu berichten.....! Fast vier Wochen ist er schon hier.

4 Wochen sind aber bei einem Hund wie Bibi eine sehr kurze Zeit. Es gibt Tage, da denke ich, hier herrscht der totale Stillstand, und dann wieder erkennt man klar und deutlich die Fortschritte in der Entwicklung. Es ist mehr so ein zentimeterweises Vorgehen, und manchmal geht es sogar eher rückwärts.....;-)

Mittlerweile ist es so, dass man mit etwas Abstand an ihm vorbeigehen kann, OHNE dass er aufspringt und flüchtet. Mitunter darf man sich sogar zu Bibi hinunterbeugen, sich neben ihn setzen und ihn streicheln.

Ich wünsche mir, dass er Kontaktliegen zuläßt, egal ob mit Hund oder mit Mensch, aber soweit ist er noch nicht.

 

Die Kratzer und Macken an seinen Ohren sind mittlerweile fast geheilt, die haarlosen Stellen sind nachgewachsen, und sein Fell hat insgesamt mehr Glanz und Griff bekommen. Und er ist auch nicht mehr so klapperig.

Am Muskelaufbau arbeitet er auch fleißig, und um seine Ausdauer ist es ein bisschen besser bestellt als am Anfang. Auch die Gelenke sind nicht mehr so wackelig, man merkt deutlich, dass es ihm an Bewegung, sprich Gelegenheit dazu, und Futter gefehlt hat und dass er das jetzt allmählich aufholt.

Er läßt sich auch streicheln, aber nach ein paar Minuten hat Mensch den Eindruck, als bleibe er nur aus purer Höflichkeit da :-) und würde eigentlich lieber sagen: kannst du mich jetzt bitte wieder in Ruhe lassen?

Bibi benötigt mehr Distanz als der typische Beagle. Akzeptiert man dieses In-Ruhe-lass-Bedürfnis, ist Bibi ein unkomplizierter, nahezu anspruchsloser*, sanfter und angenehmer Hund. Das Leben mit Bibi ist ruhig, leise und entspannt.

(das Pferde-Anbellen hat er am nächsten Tag bereits wieder sein lassen; er schaut ihnen nur noch zu).

 

Er hat seinen Lieblingsplatz, an dem er auch nachts schläft, gefunden: auf dem Teppich vor Omas Holzofen. Dort bleibt er so lange, bis die letzte Wärme aus der Glut verschwunden ist, dann kommt er die Treppe hoch zu uns und legt sich dort auf seine Hundedecke. Matratzen, Körbchen, Sessel und Sofas verschmäht er bislang noch, aber neulich hab ich ihn schonmal auf Omas Couch erwischt, lang ausgestreckt und absolut tiefenentspannt.....(und bin auf Zehenspitzen wieder rückwärts aus dem Zimmer geschlichen.....!)

 

Überhaupt fühlt er sich zu meiner Mom hingezogen, vielleicht, weil so ein Senioren-Haushalt schon deutlich weniger Streß bietet....er läuft ihr auch nach und schaut zu, wenn sie im Garten arbeitet etc. (DAZU später mehr!) Das macht er bei mir nicht, wahrscheinlich, weil ich von Zeit zu Zeit die unmöglichsten Dinge von ihm verlange (z.B. an Leinen zu laufen).

 

Bibi hat glücklicherweise kaum Angst vor Geräuschen oder Gegenständen, es sind allein die Menschen, die ihm zu schaffen machen. Ich warte noch immer auf das erste freudige Wedeln von Bibi, wenn ich nach Hause komme(naja, von drei stürmischen Beagletieren überrannt zu werden, sollte mir ja wohl auch genügen!).

Bibi ist mittlerweile so gut wie stubenrein, morgendliche Pfützen im Flur gibt es nur noch selten und nur dann, wenn Mensch später als gewöhnlich aufsteht.

Inzwischen nimmt er - manchmal - auch Leckerlies aus der Hand. Aber er schaut dabei immer noch so vorsichtig, als würde er aus der anderen Richtung sonstwas befürchten.

Und er ist nach wie vor ein Meister der Beschwichtigung: er beschwichtigt ständig, Hunde wie Menschen, durch Gähnen, Naselecken, Wegschauen, Rückwärtsgehen.....

Bei Begegnungen mit "fremden" Hunden (die uns gelegentlich besuchen kommen) verhält sich Bibi zurückhaltend und abwartend, wird es ihm zu viel, zieht er sich erstmal zurück.

Unserer Gast-Katze ggü. ist Bibi neugierig, er unternimmt aber nichts und jagt sie auch nicht (allerdings wird er sich das von seinen Beaglekumpels hier bald abgeschaut haben). Allerdings ist zu befürchten, dass er, wenn er einmal eins auf die Nase bekommen hat, er fortan auch Angst vor Katzen haben wird.....!

 

Was bislang noch immer gescheitert ist, ist der Versuch des Spazierengehens. Bibi läßt sich zwar jetzt Geschirr und Halsband anlegen, auch das Herumstromern mit einer Leine (ohne Klapperzeug) ist fast kein Thema mehr.

Das Problem ist: sobald ein Mensch das Ende der Leine ergreift, gerät Bibi in Wallung. Er hat noch sehr große Angst, an der Leine geführt zu werden. Wir bleiben zwar dran (mit dreifacher Sicherung!), aber bis man mit Bibi spazieren gehen kann, wird es noch eine Zeit lang dauern. Locken mit Futter klappt nicht, weil Bibi völlig zu macht. Er läuft fünf Meter - und bleibt dann stehen, wie angewurzelt, den Schwanz bis zur Brust gezogen. Jede Bewegung an der Leine oder des Menschen neben ihm lässt ihn noch ein bisschen starrer werden. Und dabei waren wir bisher nur im Feld unterwegs, wo das einzige, was uns begegnete, ein Kind auf Fahrrad nebst Mutter war - noch zuviel für Bibi. Ich will ihn aber auch nicht jeden Tag mit Spazierengehen unter Druck setzen, denn er trägt es mir eindeutig nach. Bislang genügt ihm seine jetzige Welt - Haus, Garten, Familie und die Beagle - voll und ganz. 

Aber er begleitet uns und die Beagle-Bande ans Tor, wenn wir zu unserer Runde aufbrechen, als ob er uns verabschieden wollte. Wenn wir draußen sind und ein paar Meter zwischen uns liegen, dreht er ab und läuft auf seinen Platz vor der Haustür. Wenn er das Tor dann bei unserer Rückkehr hört, kommt er wieder angetrabt: "na, da seid ihr ja wieder!" Und dann..... 

.....will Bibi spielen. Bibi liebt alles, was rollt, er schubst selber Bälle die Böschung runter und springt wie ein Fohlen, wenn dann jemand kommt und den Ball wirft. Ist grade kein Ball da, tut es auch mal ein Apfel (Gruß an Brook & Anja:-)) Ansonsten wird gerannt und getobt, vorzugsweise mit Buddy.

Wenn keiner guckt, hat Bibi den Schalk im Nacken: er packt Buddy am Schwanz, fordert die Hunde zum Spielen auf, wirft Spielsachen und Äste in die Luft....

.....zupft solange vorsichtig an der Wäsche auf der Leine, bis Omas gute Tischdecke endlich zu Boden segelt.....!

  

* er braucht im Moment wahrscheinlich nur folgendes: einen möglichst ruhigen, geregelten Tagesablauf mit drei guten Mahlzeiten - und einen Ofen, vor dem er liegen darf. Und vielleicht für tagsüber & draußen einen sonnigen Platz, von dem aus man gut alles im Blick haben kann. Und auch wenn Bibi gern für sich ist: mindestens ein Hundekumpel muss sein, denn nur im Spiel mit den anderen Hunden taut er auf. Schön wäre es, wenn der Hundekumpel ein souveräner wäre, und körperlich ebenbürtig wäre auch toll.....es würde Bibi nicht helfen, noch ein Angsthäschen neben sich zu haben. Ebensowenig förderlich wäre eine Schlaftablette in Hundegestalt, da Bibi nicht allzu oft "fragen" würde. Dazu ist Bibi viel zu höflich, er würde sich vermutlich einfach resigniert zurückziehen. Es sollte jedoch auch kein allzu dominanter Hund sein - Bibi würde sich sofort einschüchtern lassen und sich zurückziehen. Man merkt schon, die Wunschliste der Pflegestelle ist wieder lang.....!

 

Insgesamt guckt er immer, als wollte er sagen: ich würd ja so gerne und kann eigentlich auch, aber ich trau mich noch nicht. Dazu steht er dann da mit elegant verkreuzten langen Beinen, wie ein Balletttänzer, man könnte ihn Nurejew nennen.

 

Bibi ist sicherlich nicht der richtige Hund für Menschen, die einen verspielten, kuscheligen, verschmusten Hund erwarten, den man problemlos in sein Leben integrieren kann.

Aber Bibi ist auch kein völlig verkorkster Angsthund. Man braucht Geduld, Zeit und ein eher ruhiges Umfeld, und darf nicht zuviel von ihm erwarten/verlangen. Dann wird er immer noch kein Draufgänger sein (das ist Bibi schon vom Charakter nicht), aber ein wacher, aufgeweckter, treuer und sehr lieber Hund.

 

Aber gestern, da hatten wir auf einmal einen ganz anderen Bibi vor uns! Als ich von der Gassirunde mit der Beagle-Bande zurückkomme, erwartet mich eine breit grinsende Oma, die sagt, sie & Bibi hätten Rasen gemäht! Ach......?

Sie führt es mir vor. Meine Mutter benutzt gerne so einen Handrasenmäher, also, ohne Elektro und so.

Damit war sie zu Werke, und Bibi betrachtete die Aktion erstmal typisch abwartend, aber eindeutig interessiert. Bis er sich zum Mitspielen entschloß:

(das Video ist zwar nicht gut, aber ich glaub, man erkennt, was wir ausdrücken wollen):

18.10.2012

"Ein Hund, der Angst hat, spielt nicht. Umgekehrt hat ein Hund, der spielt, keine Angst". (zumindest nicht während des Spielens!)

(Zitat aus"Mein Hund hat Angst" von Anja Mack u.a.)
Wenn das so ist, dann ist unser Bibi auf dem besten Wege!

 

Bibi entwickelt sich nämlich langsam zum Pausenclown.
Zwar ist er Menschen (auch uns) gegenüber noch immer scheu, und er käme noch lange nicht auf den Gedanken, freudig wedelnd auf uns zuzulaufen oder gar sich Fremden weniger als 10 m freiwillig zu nähern.
Aber er hüpft und springt und spielt mit allem, was der Haushalt hergibt: Hundedecken, Bettlaken, Abdeckplanen.....von allem, was rollt, und dem üblichen Hundespielzeug ganz zu schweigen.....unser Garten sieht aus wie nach einem Kindergeburtstag mit 15 Gästen!
 
Er spielt auch gern allein. Bibi kann (gefühlte) Stunden damit zubringen, auszutesten, aus welcher Höhe ein Tennisball am schnellsten die Böschung runter verschwindet.
Oder wie oft man mit seinen langen Haxen auf eine Hundedecke treten muss, bevor man sie endlich von einem Ende des Grundstücks zum anderen geschleppt hat. Völlig selbstvergessen, er spielt dann auch "um die anderen Hunde herum" und lässt sich von ihnen nicht stören.
Und das beste daran: er spielt jetzt auch mit Menschen!! Kleine Zerrspiele nämlich, siehe Foto mit dem roten Laken, am anderen Ende hänge ich....
heute morgen verblüffte er mich damit, dass er hinter mir her lief und in meine Hosenbeine schnappen wollte! Das hat aber natürlich nichts mit Aggression zu tun, sondern einfach mit Übermut. Biete ich ihm ein "anderes" Spielzeug an, akzeptiert er das auch bereitwillig. Dass er auf diese Art meine Nähe sucht, finde ich eigentlich eher positiv, auch wenn mancheiner jetzt vielleicht aufschreit "das darf man doch nicht dulden!!!" Nee, machen wir auch nicht, siehe oben.
 
Außerdem haben wir einen riesigen Fortschritt in punkto Gassigehen zu vermelden: Bibi geht mit! Allerdings in einem Affenzahn, ohne jegliche Schnupperpause, einfach nur "voran" (wahrscheinlich will er's schnell hinter sich bringen.....) Länger als 10 Minuten waren wir noch nicht unterwegs, aber selbst das hätte ich noch vor einer Woche für undenkbar gehalten.
 
Wie gesagt, hundetypisch benimmt er sich nicht - kein Schnuppern, keine pi-Mails lesen, kein neugieriges Kopfdrehen nach irgendwelchen Geräuschen, erst recht kein Lösen, in welcher Form auch immer. Auch guckt er sich noch ganz oft hektisch nach dem Mensch an der Leine um, aber es wird schon weniger. Ein Stück der Leine trägt er im Maul. Er beißt nicht dran, er trägt es einfach nur, als ob es ihm Sicherheit gibt.
 
Allerdings hatten wir noch keine "kritische" Begegnung mit anderen Menschen, Hunden, Autos oder ähnlichem.
Die Hunde & Menschen, die wir bisher getroffen haben, kennt Bibi alle schon von Besuchen auf unserem Grundstück. Und die Autos, die "ganz normal" vorbeifahren, lassen ihn relativ kalt, er geht lediglich ein Stück zur Seite, Naja, in Frankreich wird es auch Autos gegeben haben....Die Krise kriegt Bibi, wenn man aus irgendeinem Grund die Leine richtig festhalten muss - und sei es einfach zum Ableinen. Dann bockt und springt er wie ein Maulesel....ich texte ihn dann solange leise und beruhigend zu, bis die schwierige Lage wieder gut ist, und entlassen ihn dann "in die Freiheit"
Bibi ist beim Spazierengehen aber DREIFACH gesichert, denn mitunter macht er schon recht unerwartete Ausfallschritte. Ich geh mit Bibi auch derzeit noch alleine spazieren, sonst ist mir das Risiko noch zu groß, weil wir ja schon einen Unberechenbaren in der Truppe haben. Ich bin mir sicher: würde Bibi entwischen, bekäme den keiner mehr eingefangen. Außer mit einem Netz vielleicht.....Ach, was würd ich mich freuen, wenn Bibi Spaß an den Spaziergängen finden würde! Aber das kommt sicher noch, so wie sich alles bisher entwickelt hatte, kann ich mich einer gewissen Zuversicht nicht erwehren! 

.....dazu schrieb uns eine liebe Teamkollegin folgendes:

"Liebe Marion,
gerade heute habe ich im Forum des französischen Tierheims einen Eintrag zu Bibi gelesen, er ist auch heute erst geschrieben worden und zwar nachdem irgendjemand den link zu eurem Film dort eingestellt hat : "Es ist sehr bewegend, Bibi so zu sehen, ich hatte ihn noch nie spielen, nie tummeln sehen, das einzige Bild, dass ich von ihm hatte, war ein Hund gelähmt vor Angst."
Es trifft auch mein Gefühl sehr gut, ich kann mich an euren Bildern nicht satt sehen. (....) seine Fortschritte sind unglaublich - DANKE !
Viele Grüße, an alle, aber an Bibi besonders,
K."

DANKE! Für mich ist es bewegend, dass es dort Menschen gibt, die sich wirklich sorgen.