...die Eder-Beagle(s)
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Von Hunden mit Deprivationssyndrom

Am 03.11.2012 hatte ich - ganz kurzfristig, aber sehr willkommen - die Gelegenheit, ein Seminar zum Thema "Hunde mit Deprivationssyndrom" zu besuchen. Als Referentin konnte durch Christina Sondermann von "spass mit hund" die Verhaltenstherapeutin und Tiermedizinerin Maria Hense gewonnen werden. Einen ganz lieben Dank an Wencke, die mich nicht nur darauf aufmerksam gemacht hat, sondern mir auch noch ihren Platz überließ!

Es war ein kurzweiliger, sehr interessanter Tag! Seminarteilnehmer waren zum größten Teil Menschen, die beruflich mit Hunden zu tun haben: Tierpsychologen, Hundepensionsinhaber, Hundetrainer. Aber auch Hundehalter waren dort. Alle Anwesenden hatten mit Angsthunden zu tun, und 6 Hunde - mit mehr oder weniger stark vorhandenen Symptomen - waren ebenfalls zu Gast.

Seit Bibi bei uns lebt, habe ich wohl tausende von Seiten (in Buchform gedruckte und virtuelle) zum Thema "Angst bei Hunden" gelesen. Ich wollte wissen, wie es kommt, das er so ist, wie er ist, was man tun kann, wie man Hunden wie ihm helfen kann - und kann man es überhaupt? Ist ein schreckhafter Hund schon ein Angsthund? (Nein!) Und was hat Deprivation mit der Angst zu tun?

Als Quintessenz meines Seminartages, der für mich sehr aufschlussreich war, zunächst folgendes:

dieschlechte Nachricht ist, das Bibi (welche Überraschung) unter einem ausgeprägten Deprivationssyndrom leidet.

(Die noch schlechtere Nachricht lautete: "Hunde, die sich nicht mehr um ihr eigenes Wohlbefinden kümmern, sind psychisch krank." Als Maria Hense diesen Satz sagte, schossen mir die Tränen in die Augen, weil mir plötzlich die ersten Tage mit Bibi vor Augen standen: Fressen und Trinken waren uninteressant, er kümmerte sich nicht um irgendeine Körperpflege, kratzte sich nicht mal (trotz Ungeziefer-Befall am Rücken), lag nur im Wald, ließ sich völlig apathisch nassregnen, fror erkennbar, löste sich nicht - alles egal. Das waren die Tage, an denen ich dachte: der Hund will nicht leben, der stirbt dir hier. Über diese Phase kamen wir aber ja zum Glück relativ schnell hinweg.)

Die guteNachricht ist gleich eine doppelte: es sieht so aus, als hätten wir auch vor dem Seminar hinsichtlich des Umganges mit Bibi schon das Meiste richtig gemacht; und: es gibt Hoffnung!!

Viele von uns haben Hunde, die in irgendeiner Form Angst, Scheu, Schreckhaftigkeit zeigen.

Häufig hören und lesen wir: mein (Ex-Labor-)Hund ist so ängstlich, ist das normal? Gibt sich das? Wie soll ich mich verhalten?

8 Stunden "Schulbank" machen mich noch lange nicht zum Experten, aber ich will mal versuchen, meine Erkenntnisse & die eigenen Erfahrungen(mit Georgia, die nach ihrer Laborkarriere ein gutes halbes Jahr brauchte, um nicht mehr den halben Tag in der Ecke zu sitzen. Mit Mikey, der jetzt, nach fast 14 Monaten bei uns und insgesamt über 2 Jahren "nach" der Tötungsstation, endlich freiwillig den Kontakt zu mir sucht. Aber auch mit unserer Buddy, die unter günstigsten Bedingungen zur Welt kam und aufgewachsen ist und die völlig locker und angstfrei ist. Und natürlich mit Bibi, der schon viel geschafft hat, aber noch einen weiten Weg vor sich hat.) umzusetzen.

Ich hoffe, dass es mir gelingt. Hunde, die Angst haben, leiden. Die Ausprägung ist unterschiedlich schwer.

Unser Mikey ist ein Deprivations-Hund.

Als er zu uns kam, war ich wütend auf die Familie, die ihn so schnell wieder los werden wollte. Mikey machte nämlich überhaupt keinen Spaß, den Erwachsenen nicht, und definitiv nicht den Kindern, mit denen er nicht spielen wollte und konnte, weil er eben Angst vor allem hat. Zur Erinnerung: Mikey, der ehemalige Meutehund aus der Tötungsstation, hatte nur an einer Sache Spaß: dem Jagen. Also war er ständig in den Wäldern unterwegs, bis die hilflose Familie ihn an die Kette legte. Die Leute waren von Mikey vor allem eins: enttäuscht. Sie hatten anfangs die besten Absichten, indem sie einen Hund aus dem Auslandstierschutz übernahmen. Und dann kommt da so ein Bündel Angst, mit dem sich absolut nichts anfangen lässt, und benimmt sich - abgesehen von völliger Undankbarkeit! - auch noch komplett daneben. Letztes Jahr war ich extrem sauer über die Leute. Mittlerweile sehe ich die Sache differenzierter und verstehe – ein Stück weit – die Enttäuschung und Überforderung der Familie. (Was ich immer noch nicht verstehe, ist, wie man ein dreiviertel Jahr mit Nicht-Handeln zubringen kann, eine Zeit, in dem es dem Hund von Tag zu Tag schlechter geht).

 

Bibi ist ganz sicher und ganz eindeutig ein Depri-Hund.

Mikeys Symptomatik ist aber eine andere als Bibis: Bibi hat generell Angst vor Menschen, egal was für welchen, egal was sie tun und wie sie aussehen. Die unbelebte Umwelt – Dinge, Geräusche, schrecken Bibi nicht übermäßig.

Mike flippt bei lauten Geräuschen aus, den schlimmsten Moment habe ich mit ihm erlebt, als im Wald – entfernt - geschossen wurde. Mike drehte – an der Leine – völlig durch. Außerdem kommt er völlig aus dem Häuschen, wenn jemand etwas in der Hand hält und damit auch nur andeutungsweise in seine Richtung kommt. Mikey zeigte deutliche Angst vor Männern. Waren männliche Gäste bei uns, hat Mike die betreffende Zeit unter der Hecke im Garten verbracht, immer auf der Hut. Beim ersten Auftauchen des Schornsteinfegers hat Mike einen totalen Panikanfall bekommen (schwarze Kleidung – Hut – groß – kräftig – allerlei Gerätschaften…). Frauen gegenüber war Mikey eher gleichgültig - solange die Hände leer waren. Spielen war ihm fremd (ist es ihm noch immer, bis auf wenige Ausnahmen).

 

Bibi erstarrte vollkommen angesichts eines Angstobjektes. Mikey ist der Flucht-Typ, er rennt weg und bleibt auf einem sicheren Platz. Bibi konnte sich anfangs nicht mehr rühren, er stand da wie zur Salzsäule erstarrt, ich war sogar davon überzeugt, dass er die Luft anhält. Erst wenn der Mensch, der ihm so die Angst durch seine bloße Präsenz einjagte, wegging, kam langsam wieder Leben in Bibi.

 

Hunde haben angesichts von Stress vier grundlegende Verhaltesweisen zur Verfügung.

Die erste Option ist das Einfrieren / Erstarren (engl.: „freeze“).

Sodann gibt es die Möglichkeit der Flucht, des Weglaufens („flight“).

Eine weitere Möglichkeit ist der Angriff, Kampf („fight“).

Und als letzte Option bleibt noch das Erkunden, das allmähliche Erforschen des fraglichen Gegenstandes („fiddle about“).

 

Leider ist aus verhaltensbiologischer Sicht das Einfrieren die prognostisch ungünstigste Variante: der Hund denkt „ich kann mir nicht helfen, es gibt keinen Ausweg“. Diese Hunde, so Frau Hense, leiden am Meisten.

(da sitze ich, gespannt wie ein Flitzebogen, im Seminar, höre mir dies an, und denke wieder: na, bingo, Bibi).

Bibi hat bis vor kurzem keine andere Verhaltensweise als dieses gruselige Erstarren gezeigt. Erst seit einigen Tagen fällt es ihm mitunter ein, auch mal wegzulaufen oder einfach zu beobachten, je nach Auslöser).

 

Ausdrücklich erwünscht ist das „erkunden“ , denn es bedeutet eine Hinwendung zum Objekt, ein gesundes Verhalten, das Interesse und Aktivität signalisiert. Zudem wirkt es – im Gegensatz zum Kampf – deeskalierend.

Das Erkunden und Beobachten ist also um jeden Preis zu fördern!

In Bibis Beispiel war es das Spielzeug, vor dem er nicht erstarren musste (kämpfen ist eine Option, die für Bibi sowieso indiskutabel ist, und mit dem Weglaufen tut er sich auch meist schwer – und wozu sollte man vor einer unschuldig dastehenden Box voller Spielsachen auch wegrennen?) So erforschte Bibi nach und nach die Spielsachen, bis er damit vertraut war. Heute ist das Spielen mit allen möglichen Gegenständen offenbar das Größte für ihn!

 

Nur der Vollständigkeit halber: das „Flüchten“ ist die zweitbeste Handlungsweise. Ängstliche Hunde sollten immer eine Möglichkeit zur Flucht haben dürfen („Flüchten“ ist nicht nur Wegrennen, es kann auch das simple Wegsehen oder Abwenden seinJ).

Was die Variante „Fight“ anbelangt: hier sind nur die geringsten Anzeichen akzeptabel. Knurren als niedrig angesiedelte Drohgebärde z.B. ist so eines. Hunde dürfen knurren! Wir sollten froh sein, dass der Hund knurrt! Das Drohverhalten bitte nur zur Kenntnis nehmen, ansonsten ignorieren. Knurren ist wünschenswertes Ausdrucksverhalten. Wir nehmen die Warnung zur Kenntnis. Achtung: nach dem Knurren könnte Beißen kommen, und hier ist natürlich Schluss mit Lustig!

 

Hierzu fällt mir ein, dass wir alle wohl froh sein dürfen, es mit Beagle (oder schönen, grundsätzlich friedlichen Jägern wie Bibi) zu tun zu haben. Stellen Sie sich bitte einen Angsthund der Rasse Boxer, Schäferhund, Rottweiler, Dobermann, Kangal….vor.

Die würden ihr Heil vermutlicheher nicht im Erstarren oder Weglaufen suchen.

Sehr aufschlussreich fand ich die Aussage, dass die Rassezugehörigkeit des betroffenen Hundes Schlüsse auf die zu erwartenden Mängel und Symptome zulässt: je reizempfindlicher und sensibler ein Hund aus Sicht des Menschen sein soll, desto problematischer ist Deprivation. Ein Hüte- oder Wachhund beispielsweise, der auf kleinste Signale hin handeln soll, ist ungünstigen Wachstums- und Umweltbedingungen stärker unterworfen, und auch die Folgen sind häufig gravierender.

 

Deprivation bedeutet: Mangel (oder Entzug von etwas, das man braucht). Bezogen auf Hunde, so Frau Hense, bezeichnet Deprivation zumeist einen Mangel an Erfahrung. Betroffen sind meist Hunde, die in bestimmte Umweltbedingungen hineingeboren werden, ggf. dort aufwachsen und leben (müssen). Typischerweise depriviert sind Vermehrerhunde, Laborhunde, Zwingerhunde, Kettenhunde und, sehr häufig, Auslandshunde(……)

Traumatische Erfahrungen können beispielsweise sein: Hunger/Mangelernährung; gesundheitliche Probleme / Streß in der Welpenzeit (auch schon während der Trächtigkeit!), Traumen durch Verletzungen / Gewalt. Deprivation entsteht, wenn die zur Entwicklung notwendigen Reize fehlen, dieser Mangel wird zudem durch traumatische Erfahrungen ergänzt.

Deprivation kann zu jedem Zeitpunkt auftreten (häufig beginnt Deprivation mit einem Besitzerwechsel). Deprivation ist lebenslänglich nicht zu beheben, viele Hunde können sie aber kompensieren. Die meisten Hunde haben, so Maria Hense, geringen bis mittelgradigen Deprivationsschaden.

Traumatische Erfahrungen richten zwar Schäden an, sind aber veränderbar (jedoch nicht reversibel).

Je nach persönlicher Widerstandsfähigkeit des Hundes (rasse- und charakterabhängig) können die Symptome unterschiedlich stark ausgeprägt sein, der Hund kommt mehr oder weniger gut mit seiner Mangelerfahrung zurecht.

 

Bezogen auf Bibi haben wir eher die schlechteren Karten: Bibi ist bereits von der Rassezuordnung sensibel, schon von Haus aus kein Draufgänger. Ein „dickes Fell“ hat er sicher nicht. Er war halb verhungert und in sehr schlechtem körperlichen Zustand, mit vielen Narben und kahlen Stellen. Menschen gegenüber wandte sich Bibi gar nicht zu, anderen Hunden nur zögerlich. Leine, Halsband, Geschirr lösten nackte Panik aus – Bibi hat irgendwann mal gelernt: an der Leine und mit Menschen in der Nähe muss ich Angst haben. Vielleicht ist er, wie so viele, mit der Schlinge eingefangen worden. Sein Patenrezept, damit umzugehen, war der komplette Rückzug. In diesem Kokon hat er seit mindestens einem halben Jahr gelebt, denn es ist nicht davon auszugehen, dass er zu Beginn seiner Zeit im Tierheim ein anderes Verhalten zeigte.

Er lässt sich inzwischen am Kopf anfassen, aber nicht am Rücken, an den Seiten oder an den Beinen. Man kann darüber spekulieren, wie er die ersten 5 Jahre seines Lebens verbracht hat – vielleicht ist er in Dunkelheit aufgewachsen, in einer Scheune, in einem Zwinger, ohne positiven menschlichen Kontakt. Als Jagdhund war er wohl eher nicht der Hit, denn verglichen mit Buddy oder Mikey ist Bibi die reinste Schlaftablette, und Spuren oder weglaufende Katzen interessieren ihn gar nicht (kann aber auch sein, dass das vielleicht irgendwann noch zum Vorschein kommt).

 

 

Deprivationssyndrom bezeichnet eine massive Schädigung.

Bei leichteren Formen spricht man von Deprivationsschäden.

Eigentlich wollte ich darauf hinweisen, dass Bibi zwar ein ausgeprägter Fall ist. Er lebt sozusagen in einem permanenten Angstzustand mit wenigen bestimmten Auslösern. In der Hauptsache besteht sein Problem in einer großen sozialen Unsicherheit. Dies wird sich bessern, aber nicht wirklich heilen lassen.

Es ist grausam, aber es gibt weitaus schlimmere Schicksale.

Eine Seminarteilnehmerin berichtete von der Labradorhündin einer Kundin, die seit 8 Wochen in einer Box im Wohnzimmer lebt. Die Hündin saß nach ihrer Ankunft bei den Leuten nur in der Ecke und starrte die Wand an. Jemand gab den Rat, der Hündin eine Box zu geben, damit sie einen sicheren (Rückzugs-) ort hat. Seit acht Wochen besetzt der Hund die Box, frisst nur in dieser Box, schläft nur in dieser Box und löst sich nur in dieser Box. Sie ist nicht dazu zu bewegen, sie zu verlassen, auch nichts nachts, wenn alles still und dunkel ist. Den Leuten wurde der Rat gegeben, entweder die Box an einem anderen Ort aufzustellen, oder mit einem angstlösenden Medikament den Kokon des Tieres zu unterbrechen.

 

Ein anderes Beispiel aus der Teilnehmerrunde war Emma, eine große schwarze Mischlingshündin aus Griechenland. Emma wurde in einem Wurf mit etlichen Geschwistern auf der Straße geboren. Stets war sie in einem Verband von Artgenossen, nie allein. Mit acht Monaten wurde sie nach Deutschland „gerettet“ und war mit Beginn des Aufenthaltes in der Flugbox zum ersten Mal in ihrem Leben allein. Das aber gleich für mehrere Stunden. Die jetzige Besitzerin meinte, dies hätte ihr wohl den Rest gegeben. Emma hat das „Alleinsein“ nicht verkraftet. Seitdem sie allein ist (trotz Hundeanwesenheit bei den Trainingsstunden) ist Emma ein Angsthund, zudem stark leinenaggressiv.

Fazit: Hunde, die als (einzige) Konstante in ihrem Leben andere Hunde hatten, in Einzelhaltung zu vermitteln, ist ein neues Trauma!

 

Ich finde es sehr interessant, hier zwei Angsthunde miteinander vergleichen zu können. Bibi und Mikey haben eine ähnliche Herkunft (Jagd/Meutehund), jedoch sehr unterschiedliche Symptome der Deprivation.





             Für einen Hund mit Angst stellt es schon eine enorme Verbesserung seiner Lebensqualität dar, wenn er nachts einfach ruhig schlafen kann.

Wenn er fressen kann, ohne gestört oder gemobbt zu werden. 

Wenn er überhaupt regelmäßig schlafen und fressen kann. 

Wenn er seinen Aufenthaltsort frei bestimmen kann: er muss nicht da bleiben, er darf weglaufen / sich verstecken / den Raum wechseln / ausweichen. 



 

Wichtig ist, sich einen Zugang zum Hund zu verschaffen. Bei Mikey ergab sich der, wenn es auch lange gedauert hat, über den körperlichen Kontakt (aber das sog. „Kontaktliegen“ ist erst seit kurzer Zeit möglich).

 

Bei Bibi war der „Schlüssel zum Hund“ das Spielen. Erst über das Spiel fand Bibi die Möglichkeit, Verhaltensvielfalt (und Bewegungsvielfalt!) aufzubauen und sich auszudrücken. 

Spielen kann nur in einer angstfreien, unbelasteten Umgebung stattfinden. Der Hund kann erst spielen, wenn er sich nicht bedroht fühlt und nicht angespannt ist.

 

Anfangs führte Bibi nur wenige, einfach und offensichtlich raum- und kraftsparende Bewegungen aus. Er konnte sich nicht richtig koordiniert bewegen, wirkte planlos und eckig. Ohnehin fehlte es ihm an Kraft und Ausdauer. 

Es war quälend, ihm zuzuschauen, wie wackelig er auf seinen langen Beinen herumstakste und sich schnellstmöglich wieder irgendwohin zurückzog, immer nach allen Seiten sichernd, immer mit aufgekrümmtem Rücken, möglichst wenig Angriffsfläche bietend, immer mit wachsamem Gesichtsausdruck. Anfangs oft, jetzt nur noch gelegentlich, hört er mittendrin auf und schaut sich um: ist noch alles in Ordnung? 

Dass Bibi mir heute hinterherläuft und mich offen und neugierig anschauen kann – nach dem Motto: spielst du vielleicht eine Runde mit mir? – ist für mich wie ein Wunder. 

Auffallend ist, dass Bibi im Spiel mit anderen Hunden (fremden, nicht zu unserem „Rudel“ gehörenden) immer versucht, den anderen Hund zu fangen: er versucht, die Rute oder die Ohren des anderen zu erhaschen. Nicht gewaltsam oder grob, sondern zart und spielerisch und mit schlenkernden Beinen, aber er ist eben immer dabei, in die Ruten, Hals und Ohren zu beißen. Beim Spielen schießt Bibi mitunter übers Ziel hinaus: er schnappt statt nach dem Spielzeug auch schon mal nach dem Hosenbein oder der Jacke und hatte auch schon mal meine Hand zwischen den Zähnen. Nach einem ordentlichen "Nein" läßt er dann los, aber meist nicht sofort. Ich nehme an, er kennt auch solche Dinge nicht! Mit Aggression hat das definitiv nichts zu tun, ich befürchte aber, dass andere Hundehalter das als solche auslegen könnten. Ich denke nicht, dass Bibi in seinen ersten Lebensmonaten die Möglichkeit zum Spielen hatte. Bibi testet jetzt erst, was er darf und wo er besser aufhören sollte. 

 

Abends setze ich mich oft zu ihm auf seinen Teppich vor Omas Ofen und streichle seinen Kopf. Mittlerweile weicht er meiner Hand nicht mehr aus (solange ich mich auf Kopf, Hals und Brust beschränke – Berührungen am Rücken oder Bauch oder Beinen will er nicht zulassen) und brummt sogar ein bisschen. Er knurrt nicht, knurren ist anders. Er brummt so leise und wohlig vor sich hin und schließt die Augen. Ein Mal, ein einziges Mal, hat er seinen Kopf in meine Hand geschmiegt und ist so eingeschlafen.

Ich bin so lange da sitzen geblieben, bis er von selber wieder aufgewacht und in eine andere Position gerutscht ist, und das hat eine Weile gedauert… 

 

 

Mitleid ist ein schlechter Ratgeber, und ein Angsthund wird immer ein Angsthund bleiben. Es wird mit der Zeit handelbar / erträglich, aber „gut“ wird es nur in dem Rahmen, den der Hund vorgibt.

  

(Fortsetzung folgt!)