...die Eder-Beagle(s)
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Major Tom in Mainfranken, Part II

06.10.2014

Text: © M. Weigel

Auszug Lyrics Space Oddity: © David Bowie

 

Es ist nun genau ein halbes Jahr her, dass Mákos in Kitzingen entlaufen ist. Sechs Monate, wobei das erste Vierteljahr in einem wirrem Durcheinander verstrich, und das zweite Quartal mit unseren Aktionen dann auch nicht mehr zum Erfolg führte.  Über all diese Bemühungen ist es Herbst geworden. Mittlerweile ist es leider so, dass er nicht mehr zuverlässig vor dem elektronischen Auge unserer Kamera die Futterstelle aufsucht. Es ist schwer, über den Hund nicht zu verzweifeln.

Zuvor war er schon nur noch sporadisch da, es gab aber Sichtmeldungen von Anwohnern. Natürlich war gerade Erntezeit (und es ist Jagdsaison), und sicherlich gibt es einige Unruhe, man sollte also das Ausbleiben nicht überbewerten. Nur....solange Mákos nicht regelmäßig an seinem Platz erscheint, sind uns die Hände gebunden.

In ständigem Kontakt mit den Fachleuten, die jahrelange Erfahrung mit dem Fangen von so außergewöhnlichen Hunden haben, erörtern wir die jeweilige Entwicklung.

Es führt immer zu dem gleichen Ergebnis: der ideale Zeitpunkt ist leider verpasst.

 

Nochmal kurz zur Erinnerung: das jetzige Team hat den "Fall" Mákos nach der neuen Vorstandswahl Anfang Juli übernommen. Zuvor ist leider rund zwölf Wochen lang einiges nicht ganz richtig gemacht worden.

Es würde mir jetzt Freude bereiten, all die Details auszubreiten und richtig Dampf abzulassen (nötig hätte ich’s). Weil aber das Rumhacken auf traurigen Resten nur mir und sonst niemandem helfen würde, lasse ich es noch mal sein. Obwohl: was wir uns in Kitzingen alles sagen lassen mussten, was für Dinge über uns verbreitet wurden – dies würde schon eine öffentliche Zurschaustellung rechtfertigen!  Manch einer wartet ja auf die unschöne, böse, lange Geschichte. Andere wiederum würden sich erneut peinlich berührt fühlen und in ihrer Sensibilität mit Füßen getreten – nein, das soll ja nicht.

 

Nur die Falle soll kurz Erwähnung finden (die Einzelheiten lassen wir einfach weg): Zweimal wurde eine Lebendfalle aufgestellt, zunächst in der Nähe des Tierheims, dann oben am Tor. Beides funktionierte nicht, obwohl Mákos einmal in die Falle lief. Leider verhinderte ein eingeklemmter Ast das Schließen der Klappe, Mákos bekam sie ins Kreuz und entkam.

Ja.

Spätestens da - das war Ende Mai – wäre es sinnvoll gewesen, den Experten mit der Distanznarkose zu beauftragen. Tatsächlich wäre dieser Augenblick bereits nach wenigen Wochen da gewesen, jedoch, man gab sich locker, aber unbelehrbar. Die Dame, die heute noch immer an der gleichen Stelle für uns füttert, berichtet von einer gewissen Neugier und Zutraulichkeit des Hundes in den ersten Wochen: er schien auf den Augenblick des Fütterns zu warten, lief nicht weg und beobachtete die Menschen mit dem Futter. Er kam zwar nicht näher, flüchtete aber auch nicht. DAS hätte den idealen Zeitpunkt für Heino ergeben.

Versäumnisse und Fehlentscheidungen: am Ende ist Mákos nun ein halbwilder Hund, der vor Menschen und vor Artgenossen flüchtet. 

Der Juni ging dahin.  „Wir“ wurden nebenbei Weltmeister, in Sachen LBH und Mákos wurde munter weitergewurschtelt, zwischendurch gern auch ein paar Mal alles hingeschmissen, Fütterungen eingestellt und Kameras abgebaut, Anweisungen falsch verstanden, so dass der Hund für eine ganze Zeit unbewacht war. Gab es Überwachung, sah man folgendes Szenario: Mákos war zu dieser Zeit regelmäßig wie ein Uhrwerk am Futter.

Egal. - Während das zukünftige neue Team in wachsender Verzweiflung machte und tat, um noch irgendwie den Hund zu retten, verlustierten sich zwei Drittel des damaligen Teams damit, sich leise aus der Affäre zu ziehen - es kam die Ab- und Neuwahl, und sofort danach dies: ein neuer Verein erstrahlte am Laborbeaglehimmel.

Die bisherige Chefin der Abteilung Mákos in Mainfranken stand plötzlich nicht mehr zur Verfügung, Infos gab es wenig bis gar nicht, jede Menge Geld war ausgegeben. Mákos musste warten, weil sich auf einmal vereinstechnische Probleme in einer Größenordnung auftaten, mit denen niemals jemand gerechnet hätte. An Vorbeugung hat niemand gedacht – die bisherigen Macher nicht, weil sie mit Sicherheit nicht unfroh waren, die Geschichte endlich los zu sein; und das jetzige Team nicht, weil man sich eine solche Lage der Dinge im Leben nicht hätte vorstellen können.

Bis die Maßnahmen wieder anliefen - zwischendurch gab es noch andere Klippen, die auf Widersacher hindeuteten -, waren erneut wertvolle Wochen (mit langen, hellen Sommernächten und schön regelmäßigem Futterstellen-Besuch) nutzlos verstrichen.

Im August kam Heino Krannich und versuchte nach akribischer Vorbereitung in drei verschiedenen Nächten, unseren Sorgenhund per Distanznarkose zu erwischen. Aber Mákos ließ sich nicht blicken.

Solche Einsätze erfordern viel Personal. Dieses jeweils im Hintergrund bereit zu halten, ist das eigentliche Problem, und die bereitstehenden Helfer (nachts, unter der Woche, was nicht für jedermann so einfach zu bewerkstelligen ist. Aber an den Wochenenden braucht man gar nicht anzufangen, da herrscht schon per se mehr unerwünschter Betrieb am Futterplatz....)  wurden denn auch zahlenmäßig mit jedem Mal geringer.

 

Wir beratschlagten, was zu tun sei, informierten uns gründlich und wogen das Für und Wider ab. Weil Mákos nicht mehr ganz zuverlässig zum Futterplatz kam, entschieden wir uns nochmals zum Aufstellen einer Falle. Allerdings einer ganz besonderen, mit 24-Stunden-Überwachung und technischen Finessen, die andere Fallen eben nicht haben. Zudem war diese beinah doppelt so groß wie die vorherige.

Eine Woche lang stand die Falle. Mákos erschien während dieser Zeit kein einziges Mal auch nur an der Peripherie der Stelle. Die Aktion konnte getrost als "gescheitert" abgebrochen werden. Denn: das typische Hundeverhalten zeigte Mákos einfach nicht - wir hätten da noch eine weitere Woche sitzen können, er wäre nicht verabredungsgemäß immer näher an die Falle heran gegangen, um dann irgendwann drinzusitzen und die Brathähnchen zu verschnabulieren.

 

Mákos verhält sich leider gar nicht mehr regelgerecht.

Das, wie gesagt, hat er die ersten acht oder zehn Wochen lang getan - danach hat er sich auf seine Canideninstinkte besonnen und sich vermutlich überlegt, auch gut ohne die Menschen klarkommen zu können.

Nachdem Ella einige Orte weiter entlaufen war (und nach drei Tagen und zwei Nächten wiedergefunden wurde - dank der raschen, intensiven und überlegten Handlungsweise ihrer Familie), versuchten wir eine andere Strategie (die aber, unverständlicherweise, in den ersten Wochen vernachlässigt wurde): Klinkenputzen. Es gab dann tatsächlich einige Sichtmeldungen, die aber nach dem Einstellen der Befragung auch wieder nachließen und versickerten, bis an einem Septemberdienstag die bislang letzte Meldung einging.

Seither sehen wir Mákos nur noch alle paar Tage, auch mal eine Woche gar nicht. Zielorientiertes Handeln erfordert leider andere Voraussetzungen.

Sicherlich ist er zuvor und danach auch wahrgenommen worden - wir haben es nur leider nicht erfahren. Mit Bedauern und Unverständnis haben wir feststellen müssen, dass es mehrere Sichtmeldungen gegeben hat, die aber zurückgehalten wurden – so wie andere, wertvolle Informationen auch. Die Gründe dafür erschließen sich einem wirklich nur schwer.

Mákos ist erst zwei Jahre alt. Welche Erfahrungen haben ihn so gemacht, wie er ist? Ängstlich, misstrauisch, den Menschen abgewandt. Vermisst er eine Gefährtin? Er läuft weite Wege und große Runden, um aber irgendwann immer wieder an den Futterplatz am Tor zurückzukehren - wo das abends bereitgestellte Futter, sofern er nicht erscheint, offenbar von anderen Tieren gefressen wird.  Wir haben auf den Fotos Waschbären und Füchse gesehen, die vor Ort ansitzenden Profis berichten von ganzen Igelfamilien und Ratten. Den fettesten und für den Winter bestgerüsteten, die es im ganzen Frankenland gibt, wahrscheinlich.

Nicht mehr lange, und das Futter wird nach kurzer Zeit gefroren sein. Wird er seine Gewohnheiten anpassen, ändern?

 

Solange nicht ein fester Futterplatz von Mákos angenommen wird, haben wir keine Möglichkeit, eine erneute Aktion zu beginnen.  Unsere Hoffnung, dass er woanders angefüttert wurde, geht allmählich gegen Null. So lange wie in den letzten Wochen war er noch nie ungesehen. Die Tatsache, dass er in Orten gesichtet wird, die mehrere Kilometer entfernt von Marshall Heights liegen, macht uns nicht fröhlicher: er durchquert hierbei die Reviere mehrerer Jäger, und nicht alle sind ihm wohlgesonnen. Abgesehen vom Abschuss durch den Jäger kann ich mir aber leider noch eine Menge anderer Todesarten für einen heimatlosen Hund vorstellen.

Apropos: Mákos ist heimat-, aber nicht herrenlos. Herrenlos ist ein Tier, wenn es niemanden gibt, der es für sich beansprucht. Das tun wir jedoch. Zwar gegen jede Vernunft, aber wir tun es.

Zuständig für Mákos wäre eigentlich das Tierheim (das Tierheim, welches originär zuständig war, wurde personell und aktionstechnisch stark geschont – aus welchen Gründen auch immer) und somit die Stadt Kitzingen. Diesen wären auch die Kosten aufzuerlegen.

Gewesen.

Denn bedauerlicherweise wurde es versäumt, hier klare Patente zu schaffen – darum hat sich der alte Vorstand leider nicht gekümmert. Und nun ist so viel Zeit vergangen, dass es keinen Sinn ergibt, jetzt noch etwas raushaben zu wollen.

 

Er kommt langsam näher, der Moment, wo wir uns eingestehen müssen, dass wir verloren haben. Ihn verloren haben.

Es tut weh. Vor allem in dem bedrückenden Wissen, dass das, was wir in den letzten Wochen unternommen haben, zu einem früheren Zeitpunkt mit großer Sicherheit zum Erfolg geführt hätte.

Jedes Mal, wenn ich in letzter Zeit an dem Tor zum Gelände stand - und da stand ich ziemlich oft -, hatte ich das Gefühl, dass es von hier aus nur ins Nirgendwo geht. Andere mögen diese verlassene, stille Housing Area der Amerikaner für spannend oder geheimnisvoll halten, ich finde sie nur traurig und einsam - als ob man vor einem Abgrund steht.

 

Wir haben Dir falsche Versprechungen gemacht, lieber Mákos. Das Leben, das wir für Dich vorgesehen hatten, gibt es leider so nicht.

Vielleicht schätzen wir auch alles falsch ein – vielleicht bist Du zufrieden, so, wie es ist. Es ist ja nun auch kein Minenfeld, wo Du Dich aufhältst. Vielleicht ist es gar nicht nötig oder wünschenswert,  Dich einzufangen. Vielleicht willst Du es genau so haben, wie es jetzt ist. Vielleicht sollten wir uns von dem Gedanken frei machen, dass der Hund unbedingt eingefangen werden muss. Vielleicht ist es nicht schlimm, wenn in Kitzingen ein Streuner mehr oder weniger rumläuft.

Vielleicht ist die Freiheit, die Du nun lebst, alles, was Du brauchst. Menschen und ihren unnötigen Tand brauchst Du jedenfalls nicht.  "Freiheit, Freiheit - ist das einzige, was zählt" (M.Müller-Westernhagen). Ja?

Könnte ich es doch nur glauben.

 

In unseren Plänen, Träumen und Gedanken wird Mákos weiterhin einen festen Platz haben. Für eine lange, lange Zeit. Wir hören noch nicht auf, nicht bis zum Beweis der anderen Wahrheit. Ich habe Angst vor dem Moment, wo ich die Sache als verloren vermelden muss. Es sieht leider so aus, als wäre dies nicht mehr allzu fern.

Es tut mir leid, von Herzen leid.

 

Space Oddity, die Reise von Major Tom, endet übrigens so:

„Though I’m past one hundred thousand miles

I’m feeling very still

And I think may spaceship knows which way to go

Tell my wife I love her very much she knows

 

Ground control to Major Tom:

Your circuit’s dead, there’s something wrong

Can you hear me, Major Tom?

Can you hear me, Major Tom?

Can you hear me, Major Tom?

Can you…

 

Here I’m floating round my tin can

Far above the Moon

Planet Earth is blue

And there’s nothing I can do.”

 

Sollte jemand noch eine zündende Idee haben  – nennt sie uns bitte. Andernfalls warten wir auf sein Erscheinen und auf den Winter, der uns und Mákos vielleicht neue Möglichkeiten bringt.

Wenn er es bis dahin schafft, zu überleben.

 

Do whatever just to stay alive.