...die Eder-Beagle(s)
...die Eder-Beagle(s)

Major Tom in Mainfranken

Diese Geschichte handelt von Mákos, dem Beagle-Mix aus Ungarn, der der Laborbeaglehilfe in Kitzingen im April übergeben werden sollte, entlief, seitdem dort unterwegs ist und der sich trotz aller möglichen Bemühungen nicht fangen lässt. Es ist ein persönlicher Text, meiner, und der des LBH-Teams.

Text: © M. Weigel

Auszug Lyrics Space Oddity: © David Bowie

 

Meine sehnlichsten Wünsche drehen sich meist um Hunde. 

Es gab eine Zeit, da habe ich mir nichts mehr gewünscht, als dass Mikey aus seiner Hölle ausziehen darf (der Wunsch ging in Erfüllung, Mike lebt seit drei Jahren bei uns). Dann gab es eine Zeit, in der ich mir nichts mehr wünschte, als dass Wanja, der damals noch Bibi hieß, den nächsten Tag überlebt.

Jetzt wünsche ich mir – obwohl es sicherlich noch ganz viel anderes zum Wünschen gäbe – eigentlich nur eines: Das Mákos bald in Sicherheit sein wird.

Gab es im August nicht immer besonders viele Sternschnuppen? Dieses Jahr spielte uns der besonders helle Vollmond einen Streich, wenn nicht sowieso gerade Regenwolken am Himmel sind, die den Sternenschauer aus den Perseiden verdeckten….Mit dem Wünschen bin ich mitunter recht naiv (sonst eher nicht, ehrlich).

 

Die folgenden kursiv gedruckten Textstellen stammen von David Bowie, aus „Space Oddity". In dem Klassiker (1969) treibt ein einsamer Astronaut mit Starqualitäten ziellos durch das All, Kontakt besteht nur über Funk – es geht um Mut und den Aufbruch ins Ungewisse. Leider geht der tapfere Weltraumreisende am Ende verloren. Ein solches Ende haben wir in unserem Drehbuch für Mákos natürlich nicht vorgesehen!

 

(Ground control to Major Tom) 

Alle paar Jahre passiert bei der Laborbeaglehilfe etwas, das größer und wichtiger ist als alles andere. 2011 z.B. war das die Kampagne gegen einen Vermehrer, die uns alle an einem Strang hat ziehen lassen und eine Welle der Loyalität und des Zusammenhaltes durch den ganzen Verein schlug. Es wurden große Ressourcen frei und alle Hebel in Bewegung gesetzt, und obwohl am Ende nicht alles ganz so war, wie wir es gern gehabt hätten - mehr war nicht möglich, aber wir haben getan, was wir konnten. Dieses Jahr "passierte" Mákos. 

Wir haben eine Geschichte zu erzählen. Es ist eine Geschichte von Verantwortung.

 

(Ground control to Major Tom:

take your protein pills and put your helmet on) 

Leider in weiten Teilen von abgelehnter Verantwortung, falsch verstandener Verantwortung, missbrauchter Verantwortung, Verantwortungslosigkeit. Eine von Arroganz, die im Tierschutz absolut nichts zu suchen hat. Von menschlicher Selbstüberschätzung und grandioser Beratungsresistenz. Von der Angst, zur Rechenschaft gezogen zu werden und die Folgen der Fehler, die man gemacht hat, tragen zu müssen. 

Aber es ist auch eine Geschichte von großer Hilfsbereitschaft, Risikobereitschaft und einem guten Plan.

 

Fangen wir mal so an: Wie verhält es sich mit der Verantwortung gegenüber dem Hund, dessen IMPORT ausdrücklich befürwortet wurde? Der jeden verdammten Tag, den er dort länger rumeiert, mehr Zecken - in einem ausdrücklich als FSME/Borreliose-Risikogebiet ausgewiesenen Bezirk, wie allerdings drei Viertel Bayerns - mehr Würmer und mehr Parasiten aller Couleur aufnimmt? Dessen Gesundheits-, Gemüts- und Pflegezustand sicher nicht besser wird, der mit jedem Tag mehr verwolft? Der Hunger hat, auch wenn er gefüttert wird; der trotz dem er in Sicherheit ist, jeden Tag allein (mit ein paar kapitalen Rehböcken etc.) ist – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben?

Mákos‘ Reisekumpel Füles hatte eine Atemwegserkrankung und mußte mit AB behandelt werden. Wie wird denn Mákos‘ Gesundheitszustand bei der Ankunft in Deutschland gewesen sein, und wie ist er jetzt?

Wie kann jemand ernsthaft annehmen, dass er da glücklich und zufrieden ist, das Meute-/Rudeltier, das noch nicht mal Artgenossen um sich herum hat, vor Angst kaum den Futternapf findet und nach dem Hinzufügen irgendeines neuen –toten!- Gegenstandes im Bereich der Futterstelle eher eine Woche lang hungert, als sich dahin zu wagen? Der täglich ein Stückchen weiter dem sehr reellen Risiko entgegenlebt, von dem zuständigen Jagdausübungsberechtigten (der den Kanal verständlicherweise voll hat von Vertröstungen, hahnebüchenen Ausreden und sogenannten "Profis", die der Glaubwürdigkeit des Vereins und der ganzen Aktion fast völlig den Rest gegeben haben), in den Hundehimmel befördert zu werden?

„Tierschützer sollte ein geschützter Begriff sein", sagt einer, dessen Urteil wir jederzeit vertrauen würden, und: „der Rest der Leute dürfte sich bestenfalls Tierfreund nennen."

 

Die Geschichte über die Verantwortung und andere negative Aspekte von mangelndem ökonomischem Talent (doch, es gab tätige Leute - aber die haben sich ihr Engagement auch gut bezahlen lassen, puren Altruismus darf man hier getrost ununterstellt lassen) und Sorglosigkeit (sinnlose, falsche oder falsch durchgeführte Maßnahmen dank eines ausgeprägten blinden Flecks gegenüber den tatsächlichen Gegebenheiten) erzählen wir hier aber nicht, um den zarter besaiteten Lesern und Kritikern nicht wieder unangenehm aufzufallen.

Ja, wir verschonen euch mit der ganzen Story, bewegen sie aber in unseren Herzen, lernen daraus, und sie wird eines Tages schon noch erzählt werden, woanders. Es gibt Menschen, die sich ob so einer Aussage sorgen. Zu Recht. Unterlassen ist manchmal genauso verkehrt wie aktives Handeln.

 

Auch Mákos‘ Odyssee wird irgendwann vergessen sein. Die (Tierschutz-)Welt ist schnelllebig und es kommt der nächste Hundefall, der die Gemüter erhitzt. Aber dann soll unser Schützling bitteschön schon auf der Couch sitzen, die wir für ihn vorgesehen habe, und nicht abgemagert und halbkrank in einer längst verlassenen, gespensterhaften Housing Area in Mainfranken auf die nächste Mahlzeit oder aber den Tod warten.

Wir wollten vermeiden, dass Mákos schon zu Lebzeiten in der Versenkung verschwindet, nur weil er sich als unbequem und schwierig erwiesen hat und anscheinend ein unkooperativer, gestörter (ist er denn all dies? Kennt ihn jemand?) ausländischer Streuner ist.

Und man kann es sich als Tierschutzorganisation ab einer gewissen Provenienz nicht mehr leisten, die Augen zu verschließen und Dinge ihrem eigenen Lauf überlassen, womöglich in der trügerischen Hoffnung, dass sie sich schon irgendwann von selbst erledigen, vielleicht durch die Vergesslichkeit der Menschen, ein vorbeifahrendes Auto, oder durch einen Giftköder....der Möglichkeiten gibt es viele.

Was hätten Sie alle gedacht, wenn eines Tages lapidar eine Totfundmeldung verbreitet worden wäre? Oder, am bequemsten, wenn man gar nichts mehr hätte verlauten lassen? Sie hätten gedacht: na, das ist ja ein "toller" Laden, diese LBH - ab damit in den großen Pott der seltsamen Tier"schutz"-Orgas.

Mindestens.

 

Wir haben in Deutschland nun mal keine Streunerkultur, außer in den Ballungsräumen, wo nach Einschätzung von Experten eine Unzahl importierter Hunde sich selbst überlassen sind. Der eine oder andere lässt sein Leben auf Autobahnen oder Bahngleisen, wieder andere kommen gut durch – dass beides galaxienweit entfernt ist vom ursprünglich sicherlich mal vorhandenen Gedanken, dem Tier eine Verbesserung seiner Situation zu bescheren, scheint kaum noch jemandem aufzufallen.

Würden wir in einem der südlichen Länder leben, hätte schon längst kein Hahn mehr nach Mákos gekräht. Er wäre irgendwo hingelaufen, hätte sich irgendwo angeschlossen, und hätte es, survival-begabt, wie er ist, sicher ganz gut gepackt.

Nun wurde er aber aus einem der südlicheren Länder hier her gebracht, und ab da muss man sich im Falle eines Falles mit Dingen wie Tierschutz- und Jagdrecht und der Öffentlichen Ordnung herumschlagen. Ersteres ist gegenüber letzterem subsidiär, sofern letzteres gefährdet wird - etwa durch einen herrenlosen Hund, der sich ein unkontrollierbares, aber aus Streunersicht einigermaßen sicheres, Gelände in der Nähe einer vielbefahrenen Bundesstraße und mehrerer Wohngebiete als Refugium ausgesucht hat.

Warum dies so ist, ist eines der vielen ungelösten Rätsel unserer Geschichte.

 

Theoretisch hätte er sich ja auch auf die Socken machen können und wieder illegal in seine ungarische Heimat einreisen können, ein vierbeiniger grüner Grenzgänger sozusagen.

Es gab also zwei Möglichkeiten: den Weg bis zum Ende gehen, oder den Hund aufgeben. Nach gut vier Wochen der konventionellen Aktionen, die man bei entlaufenen Hunden so zur Verfügung hat (Plakatierung, Aufrufe, Lebendfalle) wäre eine Entscheidung nötig gewesen, was als nächstes kommt.

Diese Entscheidung haben wir getroffen, nachdem der Vorstand gewechselt hat, also wiederum gut vier Wochen später. Somit ging sehr viel Zeit ungenutzt ins Land, und seitdem geht es mal mehr, mal weniger gut voran. Was vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass behördliche Dinge neu geregelt oder sogar überhaupt erst einmal in Angriff genommen werden mussten. So viele Stolpersteine, wie sich hier aufgetan haben, liegen in ganz Marshall Heights nicht herum!

Aber was sollen wir auch sonst tun? Ihn da sich selbst überlassen? Die liebe, hilfsbereite Fam. R. noch bis zum Sanktnimmerleinstag bitten, zweimal täglich den Napf zu füllen, in der naiven Hoffnung, Mákos würde sich eines Tages vielleicht doch freiwillig zu uns hinwenden, womöglich voller Dankbarkeit?

*lol*

 

(Commencing countdown, engines on 

Check ignition and may God’s love be with you) 

Es ist Sommer geworden, und der Sommer wird bald den ersten Herbsttagen weichen. Inzwischen ist die Mission Mákos ein scheinbar endlos andauernder Alptraum für viele aus dem Team geworden; Mákos ist morgens der erste Gedanke und abends der letzte.

Die Tage werden kürzer. Irgendwann wird es Winter sein. Soll Mákos dann immer noch da an dem Tor stehen? So weit wird es ja nicht kommen, dafür sorgt dann schon der Jäger vor Ort, mit seinen angefressenen Kaninchen, dem Beweis fürs Wildern. Es ist ein Gottesgeschenk, dass der Mann vernünftigen Argumenten und auch mal einer freundlichen Bitte zugetan ist! Ein weiterer positiver Aspekt, der bei alle dem Gezerre immer noch Mut macht, ist die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden und einigen Helfern. Aber bald wird es keine Wahl mehr geben.

 

Also, sei's drum: wir sind sicher bald auf der Zielgeraden. Alles ist getan, viele stehen bereit, um uns zu helfen, Mákos zu helfen. Tagsüber sind wir sehr geschäftig und guter Dinge – nachts, wenn wieder kein Bild über die Kamera kommt, wenn wieder etwas nicht geklappt hat, man alleine und es still ist, kommt die Sorge zurück. Mákos, was hast Du erlebt? Wovor hast Du solche Angst? Macht das alles Sinn? Und auch: sollen wir ihn dalassen? Ihn loslassen?

 

Man denkt: Wenn er es doch nur zuließe, der dumme Hund, der uns geistig offenbar haushoch überlegen ist und jeden Schritt vorausahnt.  Ja, wir sind auch manchmal wütend auf Mákos, weil er so unberechenbar und schlau ist und uns kein bisschen hilft!

Mehrere Male haben wir schon vergeblich auf ihn gewartet, tage- und nächtelang mit Heino Krannich (nachsichtig gegenüber uns Laien, hochkompetent in seinem außergewöhnlichen Metier und nahezu allwissend, wenn es um Tiere geht, dabei sympathisch und authentisch und – ach, eben der Beste! Wirklich.), aber Mákos zog es vor, durch Abwesenheit zu glänzen, und herbeizaubern kann ihn halt keiner.Leider.

 

(ten, nine, eight, seven, six, five, four, three, two, one – liftoff!) 

Wir wähnten uns bereits - endlich, endlich - kurz vor dem Ziel. Es war so viel an Vorbereitung geleistet worden, Absprachen waren getroffen, wahre Überredungskünste wurden aufgeboten, ein ganzer Ordner mit Genehmigungen, Bescheiden und Kostenübernahme-Zusagen angelegt, unzählige Telefonminuten, nein, -stunden verbraucht; tausende von Kilometern zurückgelegt – den halben Erdball haben wir kilometertechnisch umrundet ;-) Über die Kosten im längst mittleren vierstelligen Bereich wagen wir nicht zu reden. Ist das noch verhältnismäßig? Nein. Aber was wäre die Alternative? Wir müssen davon ausgehen, dass er andere Futterstellen hat, dass er auf unser Futter nicht angewiesen ist. Er ist mittlerweile wieder ein fast wilder Hund, der uns nicht braucht - das passiert eben, wenn man zu lange warten muss. Nun gehen wir doch nochmal an die Öffentlichkeit in der Hoffnung auf Sichtmeldungen oder dass jemand seine Futterstelle kennt und sie uns mitteilt. Wir hoffen auf die Vernunft der Leute und darauf, dass es niemanden gibt, der tatsächlich versucht, unsere Aktionen zu vereiteln. Es ist nämlich wirklich egal, wer Mákos einfängt - wichtig ist nur, dass es ermöglicht wird. Und dass er es überlebt.

Machen wir weiter - und hoffen wir von ganzem Herzen, dass er mit einer der herbstlichen Morgendämmerungen in Sicherheit ist.

 

(This is Ground Control to Major Tom: You’ve really made the grade 

And the papers want to know whose shirts you wear 

Now it’s time to leave the capsule if you dare - Can you hear me, Major Tom?)

Wir geben nicht auf, solange noch eine Chance besteht. 

Das unterscheidet uns von denen, die Mákos am liebsten längst vergessen hätten. Es ist keine wirre Aktion gegen jede Vernunft: Mákos kommt zum Fressen, er ist also da, und das für die Einfangaktion benötigte Geld wird neuerdings sinnvoll ausgegeben. Wir handeln situationsgerecht, wägen Sinnvolles gegen Nutzloses ab und machen keine Experimente mehr. 

Wir wünschen uns, dass am Ende unserer und Makos‘ Geschichte ein Happy End stehen wird. Wir wünschen es uns für ihn. Und für uns.