...die Eder-Beagle(s)
...die Eder-Beagle(s)

Ich liebe meine Hunde und verbringe gern soviel Zeit wie möglich mit ihnen.

Daher ist es mir ein Anliegen, auch an einem nebligen, diesigen, grauen November-Sonntag-Nachmittag – mit Schauerneigung! – mit ihnen einen „vernünftigen“, sprich ausreichend langen, Spaziergang zu unternehmen.

Der November hat nämlich durchaus auch schöne Seiten, und es kann erbaulich sein, durch die neblige, tropfende Natur zu stiefeln, drei glücklich schnuppernde Hunde um dich herum.

Weil es eben diesig und feucht ist, gelange ich zu dem Entschluss, die Jeans von gestern anzuziehen, die schon Spuren eines anderen November-Spaziergangs trägt. Auch die Stiefel habe ich nicht extra geputzt. Die Jacke ist eigentlich okay. Also los!

Außer, dass Sonntag ist, ist bei uns auch noch Bürgermeisterwahl, weshalb damit zu rechnen ist, dass man unterwegs mehr Leute trifft als sonst. Dies berücksichtigend, strebe ich gegen 14 Uhr in den Wald, in der Absicht, durch selbigen bis nach Laisa und zurück zu laufen und möglichst niemandem zu begegnen.

Da ich diese Strecke schon seit einer Woche nicht mehr gelaufen bin, weiß ich leider nicht, dass grade Holzabfuhr im großen Stil betrieben wird. Die Wege sind – nun ja, unter aller Sau. Ausgefahren und matschig. Aber bis wir zu dem Hauptweg kommen, schlendern wir vier (die drei Beagle & ich) locker über die Wiesen. Dann ist es zu spät. Oder soll ich etwa wieder umdrehen? Sowas machen wir nicht.

           Meine Hunde werden seit Jahr und Tag an 10 Meter langen Schleppleinen aus Biothane geführt. Diese haben den Vorteil äußerster Robustheit (das brauchen wir auch), überdies werden sie nicht durchnässt. Leider hängt die Nässe (und der Matsch) aber draußen dran. Nachdem drei Beagle zwei Kilometer weit über matschige Waldwege, auf denen wochentags der Holzlaster entlangeiert, gewuselt sind, nimmt das Matschregister auf meinen Jeansbeinen bedrohliche Ausmaße an, jedenfalls bis zum Knie.

Ich lege die Hälfte der Leinen in Schlaufen und trage sie am Arm, wie ein Elektriker sein Kabel.

Über die Stiefel will ich kein Wort verlieren. Aber die sind wenigstens wasserdicht. Im Gegensatz zur Hose. Egal, ist ja nicht viel. Weiter geht es.

Im Wald riecht’s gut nach vermoderndem Laub und Holz, ein Spätherbst-Geruch.

Außerdem, richte ich mich nach den unbestechlichen Hundenasen, riecht es offenbar prima nach irgendwelchen wildlebenden Vierbeinern, Hasen vielleicht, oder Füchsen…ein paar Rehe gibt es hier….aha….und da! ist Wildschweinlosung. Nix wie hin, denkt der eine Beagle, und liegt schon robbend und wälzend drin. Man kann bei drei Hunden eben nicht alles im Blick haben! Rechtzeitig ziehe ich die beiden anderen weg. Gut!

Dabei bleibt die Leine an einer Wurzel hängen. Ein geübter Zug, wie ein Lassoschwung. Die Leine löst sich wunschgemäß….und klatscht mir an linke Bein. Von der Hüfte abwärts bin ich linksseitig in nassen Modder gebadet.

Ja. Schön.

Es geht weiter, immer noch das Bergauf-Stück. Meine Brille beschlägt, von den feinen Nebeltröpfchen in der Luft und weil mir heiß ist. Spazierengehen kann man das, was wir hier machen, eigentlich nicht nennen.

Ich setze die Brille schließlich ab und stecke sie in die Jackentasche, ich seh auch so noch genug!

Wir kommen an einen Bach, der auch bei den Waldtieren hoch im Kurs zu stehen scheint, denn die Beagles werden auf einmal ganz aufgeregt und rennen vor und zurück, hin und her, und vor allem um mich herum. Drei mal sechs Meter matschgebadete Biothane-Schleppleine zeichnen lustige Muster auf den Rest der Jeans.

Die weißen Beagle-Beine sind auch schon lange nicht mehr weiß.

Ich muss gestehen: ich ärgere mich.

Eine Spitzkehre markiert die Hälfte der ansteigenden Strecke.

Hunde verlieren in Kurven keine Geschwindigkeit!

Auch nicht auf Steigungsstrecken, und wenn, dann nur unwesentlich.

Dies wird mir wieder bewusst, als drei Beagle plötzlich in den Renn-Modus umschalten, weil irgendetwas 200 m bergauf schlagartig ihr Interesse entfacht hat.

Ich bremse sie mit Mühe, bei dem glitschigen Untergrund und meiner eingeschränkten Sicht nicht eben ein leichtes Unterfangen! Einer verheddert sich im Gebüsch, weil mir die Leine durch die Hand saust. Fluchend krabbele ich hinterher, um ihn dort rauszufischen.

 

Als ich mir die Blätter aus den Haaren angle, fällt mein Blick zufällig auf meine Handschuhe. Matsch, na klar. Der ist jetzt auch irgendwie in meiner Frisur…..immerhin: es ist uns bisher niemand begegnet!

Ich wünsche mir einen der angekündigten Schauer herbei, ein bisschen Regen könnte die Situation der Matschflecken auf meinem Outfit (und der Frisur) vielleicht verbessern.

Wie schön wäre jetzt ein Hut. Aber ich hasse ja Hüte.





 

Es ist mitnichten entspannend, mit drei Beagle spazierenzugehen. 

 

Auf einer Lichtung links von uns bemerke ich eine Bewegung. Gleichzeitig gehen drei Nasen in die Luft, 12 Beine stehen wie auf Kommando und wie angewurzelt still.

Ich sammle prophylaktisch und SCHNELL die Leinen ein.....und schon geht's los: 55 kg Hunde ziehen nach vorne (ich schwöre, die wiegen in solchen Augenblicken mindestens das 5fache) nach links, nach rechts, ich habe richtig viel zu tun, denn: auf der Lichtung sind Wildschweine, und vor denen hab ich Angst.

Wir verharren. Unter Getöse, Gekreische und Gejaule.

 

Vögel fliegen panisch auf. Mike weiß kaum noch, wo er zuerst hingucken soll, er hat den totalen Streß.

Die Wildschweine biegen heimlich, still und leise, aber mit einer deutlichen (selbst für unterentwickelte Menschennasen gut wahrnehmbare) Duftspur, irgendwo vor uns rechts in den Wald ab. Sichernd nach allen Seiten (und unter maximaler Beschleunigung) bewegen wir uns weiter. Mein Herz schlägt bis zum Hals.  Mike ist nur unter Aufbietung aller Kräfte noch zu halten. Ich greife in sein Geschirr und ziehe ihn aus dem Unterholz. Ein völlig verständnisloser Blick aus Hundeaugen trifft mich: he, falsche Richtung, Mensch!! Ich muss daaa lang!!

Dieser Spaziergang ist vielleicht nicht der Fürchterlichste überhaupt, aber er rangiert sicherlich unter den ersten 10.

Noch einen viertel Stunde später sehe ich mich nach irgendwelchen Schweinen um.



 

Wir gehen weiter. Mindestens anderthalb Kilometer lang passiert nichts Unerwünschtes, abgesehen von dem üblichen Gedöns mit den Wildspuren.

Dann….ist der Weg auf einmal zu Ende. Ein Haufen Reisig und Altholz türmt sich auf, offenbar hübsch zwecks Abfuhr hindrapiert.

Hier kommen wir nicht weiter, links und rechts ist dichter Baumbestand, das ist mit Hunden an Schleppleinen ja der Super-Gau für menschliche Nerven.

Also gehen wir über die Wiese und an der Straße entlang, dann über einen Acker auf die andere Seite, um endlich einen geteerten Feldweg zu erreichen, auf dem ich bequem nach Hause gelangen werde.

Nein: „würde“. (Der Konjunktiv ist ein wahrer Feind).

Auf der Wiese hinter dem Acker stehen, wie aus dem Erdboden gewachsen, drei riesenhafte Pferde, von denen eines uns bereits freudig schnaubend entgegentrabt. Der Boden bebt.

Das macht Georgia nicht mit.

Pferde sind nur zulässig, wenn sie still vor sich hin grasend Ruhe halten, und das noch bitte möglichst weit weg. Auf Georgia zulaufende, Geräusche machende Pferde mit Pferdedecke über dem breiten Hintern gehen gar nicht.

Demzufolge legt die Beagle-Dame unverzüglich den Rückwärtsgang ein.

Und alle müssen mit, klar. Der Umweg, der uns nicht erspart bleibt, führt über andere Wiesen und holprige Feldwege voll spätherbstlichem Bewuchs, Kletten zum Beispiel.

Große Klasse.

 

Natürlich ist dies der Moment,wo Mike sich erneut seines Meute-Jagd-Hund-Erbes erinnert und seine Stimme erhebt, weil er womöglich einen Hasen gerochen hat. Oder weiß Gott was. Jedenfalls macht er wie üblich drei Dinge mit voller Power und gleichzeitig: lauthals kreischen, schnüffeln, und volle Kanne in die Leine ziehen (wenn eine Sekunde Zeit ist, wälzt er sich heftig auf dem Boden, um zu versuchen, was schon mal geklappt hat: sich aus dem Geschirr zu winden oder den Karabiner zu öffnen).

Ich kann es aber nicht so richtig beurteilen, was er tut, weil ich nämlich keine Brille aufhabe.

 

Ich bin in Hochstimmung.

Insbesondere, weil ich aus dem Augenwinkel sehe, dass auf der nahegelegenen Straße die Autos ihre Fahrt verlangsamen: was macht bloß die Frau da mit dem Hund? Dass der so kreischt?

Gut, dass die Autoinsassen auf die Entfernung keine Details erkennen können. Kann ich ja auch nicht. Aber ich schaue an mir herunter und stelle fest, dass ich wirklich aussehe wie eine Wildsau.

Mike fängt sich irgendwann wieder. Grinsend sieht er zu mir hoch. Ich drohe ihm an, dass wir in Zukunft nur noch a) einzeln, b) auf geteerten, befestigten Wegen und c) niemals, niemals mehr in Waldnähe spazieren gehen.

Der gewünschte Schauer beginntjetzt. In kürzester Zeit bin ich klatschnaß und eiskalt. Ich sehe die Autofahrer auf der entfernten Straße den Kopf schütteln….

Noch 500 m bis zum Ortseingang. Alles geht gut. Dann saust Georgia, die ja auf den meisten Strecken ohne oder nur mit schleifender Leine laufen darf, unvermittelt los.

Georgia hat ihren guten Hundekumpel Pelle entdeckt….und Pelles Frauchen.

Ich freue mich wirklich immer, die beiden zu sehen, aber heute passt es mir nicht so wirklich richtig….denn ich schäme mich grade….und die Hunde drehen auch noch völlig am Rad, werfen mich fast um. Ich lasse mich zu ein paar misslaunigen Bemerkungen hinreißen und schäme mich dann dafür auch noch. Ich raffe trotz nasser, matschiger Haare und verlaufenem Make-up und elend dreckiger Klamotten mein Selbstbewusstsein zusammen, und wir unterhalten uns noch nett.

Es ist nach 16 Uhr, als wir zuhause ankommen.

Am Tor steht ein Nachbar, im Sonntags-und-Bürgermeisterwahl-Dress, und unterhält sich mit der Oma.

Er mustert mich, mit einem langen, nachdenklichen Blick. Ich finde, er sieht resigniert und mitleidig aus.

Dann sagt er: „Nicht ganz so schönes Wetter heute, hm?“

 

Vielleicht werde ich mir doch einen (Regen-) Hut kaufen. Den könnte ich mir bei Bedarf dann einfach tief ins Gesicht ziehen.

 

Als ich in der Garage die Hunde ableine, fühle ich mich – nun ja, müde. Ich greife in die Tasche nach dem (durchweichten) Belohnungsleckerchen. Mikey springt an mir hoch. Seine großen Pfoten hinterlassen auf meinem T-shirt, dem letzten sauberen Kleidungsstück, das ich am Leib habe, dicke, fette Dreckabdrücke.

Ich will ihn davon abhalten, da leckt er mir vor lauter Begeisterung mit seiner Beaglezunge einmal quer über das Gesicht.

Ich glaube, er lacht.

 

Schönen Sonntag noch!