...die Eder-Beagle(s)
...die Eder-Beagle(s)

Waldgedanken

Szenario: in einem hessischen Wald, unweit von zu Hause, aber doch schon so weit weg, das man ein Stück mit dem Auto fahren muss, wenn man nicht insgesamt 20 km laufen will oder kann.

Ein schöner, aber schon etwas fortgeschrittener Spätsommer- oder Frühherbstnachmittag.

Ausgangssituation: ordnungsgemäß mit drei Hunden losgelaufen.

 

Zwischendurch, nach ungefähr zwanzig Minuten, findet einer, im schlimmsten Falle zwei der drei, eine bessere Route, und haut ab.

(Drei auf einmal „weg“ hatte ich zum Glück noch nicht. Aber nur, weil Mikey mittlerweile angezogen ist wie der Gefangene von Alcatraz: dreifach gesichert.)

Georgia hört gut und darf daher ohne Leine laufen. Ja, ich bin mir der Fahrlässigkeit bewusst, es musste ja so kommen! Denkbare andere Gründe sind: der Karabiner hat den Geist aufgegeben. Oder die Leine ist gerissen. Oder Hund verheddert sich im Strauchgewirr. Oder macht diesen unglaublichen aus-dem-Geschirr-schlüpf-Trick.

 

Zunächst einmal kommt es bei der Hundeführerin zu einem interessanten Phänomen des optisch-kognitiven Zusammenspiels: Etwas sehen und es nicht checken.

Das Gehirn verweigert den Dienst, wieso ist denn der Hund nicht mehr im Geschirr??

Das ist natürlich ein richtig schweres Bilderrätsel, und es zu lösen, fordert dich 2 Sekunden zu lange…Jedenfalls: Hund ist weg.

 

Und kommt auch nicht wieder.

Die schrillen Pfiffe aus der eiligst hervorgefummelten Hundepfeife versickern in temporär tauben Beagle-Fallschirmohren, die gerade das tun, was sie am besten können und am liebsten machen: fliegen!

Das Jagdgejauchze verklingt, sehr weit weg auf einmal, wie eine ferne Melodie.

 

Vorhang auf, Ring frei!

 

Optionen: 1. weitergehen, hoffen, das Hund wieder aufkreuzt und den Spaziergang absprachegemäß als Teil eines Trios beendet. Cool bleiben. Gehorsam ist auf jeden Fall überbewertet. Was macht es schon, wenn der Hund mal eine Runde durch den Wald joggt?

Allerdings: Nach dem Motto „lerne von den Besten“ scheinen Mike und Buddy darüber nachzudenken, ob sie es der Georgia nicht besser gleichtun sollten– die sich in maximaler Schräglage durch die Fichtenschonung bergwärts schraubt und selig dabei grinst….

2. Vor Ort warten. Beagle kommen (fast) immer an den Punkt des Malheurs zurück. Irgendwann.

3. Hinter dem Hund herlaufen.

4. panisch Kommandos brüllen, auf die Hund eh nicht (mehr) hört.

5. Hund 1 und Hund 2 nach Hause verfrachten, zurückkommen, sich in Geduld üben und auf Hund 3 warten.

Egal, bis wann, und egal, ob man vielleicht noch zum Nachtdienst muss oder Kinokarten hat oder mit dem Kind noch Mathe üben wollte.

6. Irgendwas anderes, noch nie dagewesenes, besonders Ausgefuchstes, was mir leider gerade nicht einfällt bei all dem Stress. Ach so, nebenbei noch schnell rekapitulieren, wen Du jetzt wieder wann und in welcher sinnvollen Reihenfolge über das Entweichen Deines Beagle informieren sollst.

 

Okay, lass mal sehen:

Option 2 ist keine, weil: ein bis zwei andere Beagle da sind, die derweil lautstark hinter der Flüchtigen her heulen (irgendwo in den umliegenden Gemeinden gefriert gerade todsicher jemandem das Blut in den Adern) und die verbleibenden 40 kg, die an meinem Schultergelenk reißen und somit ganz schnell zu 4HUNDERT Kilo werden, die Minuten zu Stunden werden lassen.

Option 3 ist auch extrem doof, weil: ich nur zwei Beine habe und eher das Tempo einer griechischen Landschildkröte statt des Ferrari in Georgia-Gestalt, die da lauthals und mit einem Riesenspaß flüchtet.

Option 4 kann man vergessen. Auch als Absolvent von AJT oder JET, by the way. Kommandos hinterherbrüllen ist das Maximum an Dilettantismus.

Option 5….ist eine Überlegung wert. Aber was, wenn die Abgängige zwischendurch beschließt, die Flucht abzubrechen?

Option 6 – naja, da fehlt halt noch der zündende Funke….und mit dem Informieren (Polizei-Jäger-Tasso….!) warten wir noch ein bisschen, die halten Dich ja für völlig hysterisch.

 

Alles klar. Weil es ja irgendwie weitergehen muss – die geifernden Bestien am linken Arm warten nicht ewig, bis der zaudernde Mensch zu einem Entschluss kommt (welcher 100 Pro der Falsche sein wird, soviel ist schon mal klar)! Kommen wir zum

 

Verlauf der Ereignisse:  dieser ergibt sich - nach sorgfältiger, adrenalingefluteter Chancen- und Güterabwägung - aus einer Kombination aus Option 1, 5 und 6 (was war das jetzt genau?? Na, vielleicht fällt einem ja noch was ein!).

 

Ergebnis: die Runde wird erstmal zu Ende gelaufen. Wo kämen wir denn da auch hin, wenn wir uns das von dieser jagdgeilen Töle verderben lassen würden! Naja, Freude bereitet der Spaziergang nun nicht gerade. Mit einem Ohr ständig in den Wald hineinpeilend, bleibt Spontanität ein wenig auf der Strecke. Nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel!

Ab und zu hört man eine schöne Spurlaut-Darbietung, wirklich weit weit weg, wie es scheint.

Meine Laune wird schlechter.

Unweit murmelt ein Bächlein. Sonnengesprenkelt rieseln Blätter zu Boden und bilden einen Teppich aus herrlichen Herbstfarben. Im Moos stehen lustige Fliegenpilze.

Nett, sehr nett. 

 

Was nun folgt, rechtfertigt den lyrischen Titel dieser Erzählung.

Wir zitieren Rilke: „Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie schön die Welt ist und wieviel Pracht sich in den kleinsten Dingen, in einer Blume, einem Stein, einer Baumrinde oder einem Birkenblatt offenbart.“

 

Ja.

Ich hasse es.

 

Alle fünf Minuten ein Dreierpfiff aus der Hundepfeife, „Georgia! Georgia!“ skandierend ziehen wir durch die Wildnis, die noch verbliebenen zwei Drittel des Beaglerudels machen einen irritierten Eindruck.

Danach warten wir noch ein Viertelstündchen am Pkw. Dann: Jacke im Wald drapieren, im Affentempo nach Hause, Hunde (2) raus aus dem Geschirr, ab ins Haus, Mensch wieder rein ins Auto, im Affenzahn zurück an besagten Waldparkplatz.

 

Leider hat sich Georgia in den vergangenen 18,5 Minuten nicht wie vorgesehen auf der Jacke (oder der Peripherie davon) eingefunden.

Die Laune geht gegen Null.

Ja, was nun? Nach erneuten kilometerweiten (Such-)märschen steht mir nicht der Sinn. Also ein Stück weit in den Wald rein (soll ich die Jacke anziehen? Oder lieber liegenlassen? Warum habe ich mir nicht zu Hause noch 1,5 Minuten länger Zeit genommen, Zweitjacke, Fresspaket und Thermoskanne eingepackt…?)

Was ich aber habe, ist eine Taschenlampe. Die kann ich auch gut brauchen, es dämmert nämlich allmählich. Der flirrende Oktobertag weicht einer mondhellen Nacht. Blödes Winterhalbjahr, blödes.

„Matt durch der Tale Gequalme wankt / Abend auf goldenen Schuhn, / Falter, der träumend am Halme hangt / weiß nichts vor Wonne zu tun“, könnte nun im Kontext zum rapide fortschreitenden Tag der Gott deutscher Romantik, Rainer Maria Rilke, deklamieren.

 

Mit der Wonne ist es hier nicht allzu weit her. Die Kulisse hat sich auch irgendwie zum Negativen verändert: keine Sonnensprenkel auf Hagebuttenzweigen mehr, erst recht keine niedlichen Falter, das herbstliche Idyll wird an den Rändern schon trüb und, ja: unschön.

 

Mensch macht sich Gedanken. Literarische, in Ermangelung von Handyempfang, anderweitiger Unterhaltung und, vor allem, eines Hundes.

Im Hinblick auf das herrschende Gefühlschaos im Beaglebesitzerinnenherz geht es wild hin und her, quer durch jegliches Genre, Hoffnung und Schreckensszenarien wechseln in rascher Folge einander ab. Bei jedem noch so weit entfernten Geräusch alarmiertes Aufmerken – vergebens.

Nach einigen hundert Metern gelangen wir an den Ausgangspunkt des Entsetzens, den Ort der Verselbständigung.

Herr Rilke meldet sich erneut zu Gehör, mit den spottenden Versen: „da warst du einst. Wo bist du hin entwichen?“

 

Der Wald antwortet erwartungsgemäß nicht.

Ein Ganghofer-Zitat wäre an dieser Stelle noch schön, es bezieht sich auf das „Schweigen im Walde“.

 

Der Weg wird steiler, der Wald finsterer. Spaß geht auch anders!

Zeit für einige Selbstvorwürfe, bemühen wir den gestrengen Kant, kategorischer Imperativ: „Du-MUSST-den- Hund- fest- an- seiner- Leine- führen“!!

Und wo wir grade schon so schön beim Negativ-Denken sind, fällt mir Kafka ein, zwar nicht direkt als Zitat, aber die kafkaesk-bedrohliche Gedankenschleife „du wirst deinen Hund nie, nie, nie mehr wiedersehen, und wenn, dann in einem sehr unerwünschten Zustand“ muss jetzt genügen!

Glücklicherweise leben wir hier in dieser Gegend nahezu im Paradies – allzugroße Bedrohungen gibt es nicht, vom Straßenverkehr abgesehen, und die örtlichen Jäger kennen meine Hunde. Von daher kein Grund zum ausflippen. Trotzdem! Der Status quo ist kein akzeptabler, Hund gehört ins Rudel und nach Hause, also frisch ans Werk!

 

Aber macht es denn überhaupt Sinn, nochmal die Runde zu gehen? Eher nicht, oder? Zögernd, lauschend, langsam einige hundert Meter durch Bodennebel zurück.

Hey, Beagle: du weißt aber schon, dass du bitte schön auf deiner eigenen Spur an den Ausgangspunkt des Dramas zurückzukehren hast, ja? Ja??? Wir fangen jetzt nicht mit unorthodoxen, kapriziösen Verhaltensvariationen an, klar? Das war doch jetzt lange genug Action!

Eine schöne Überleitung zu William Shakespeare, nebenbei! „Die tolle Jagd, sie macht mir weh und bange / je mehr ich fleh, je minder ich erlange.“

Aus dem „Sommernachtstraum“, übrigens.

Mir ist langsam sehr nach hysterischem Gelächter zumute.

 

Ein wenig ziel- und mutlos wandere ich am Waldrand hin und her. Die Kombination aus „nachts“ und „draußen“ macht mir grundsätzlich nichts aus, ich bin ja ein Landkind. Ab und zu raschelt es im Unterholz, manchmal erfasst der LED-Strahl des Taschenleuchtfeuers zwei reflektierende Augen: „Georgia?!“  Nochmal den ollen Shakespeare bemüht: „Hoffnung ist oft ein Jagdhund ohne Spur.“ Quelle:  Die lustigen Weiber von Windsor“!

Mein lustiges Beagle-Weib hat den Jux ihres Lebens und denkt nicht im Traum daran, die Freiheit so schnell wieder aufzugeben.

 

Gespenstisch, wie schrill meine eigene Stimme in des Waldes Ruh auf einmal kreischt…..um mich von dem von irgendwo, aus den Tiefen rudimentärer humanistischer Bildung heraufgeblubberten unheimlichen „Schimmelreiter“ – Theodor Storm - gedanklich wieder wegzubewegen, suche ich nach Alternativen: und stoße dabei leider ausgerechnet auf Hitchcock: „WAS lauert in diesem WALD noch?!“

 

Okay okay…konzentrieren wir uns mal. Sehen tun wir nix, außer komischen fremden Augen, aber HÖREN wir denn vielleicht was?

Ein Käuzchen. Geraschel. Gefühlte 100 km weit entfernt ein vorbeifahrendes Auto. Herrje! Und wenn die dämliche Hundelady, den lustigen Operettenweibern charakterlich normalerweise nicht allzu fern, nun auf die Straße rennt, in ihrer ausnahmesituationsbedingten kopflosen, einsamen Begierde, ihr Rudel wiederzufinden?!

Es sind ja auch leider gar keine 100 Kilometer, sondern höchstens einer!!  Mit dem Gedanken geht eine Welle der Panik einher, schleunigst bewege ich mich in Richtung B 253. Dann die Erkenntnis:

 

Momeeeeent…..! Welche Begierde denn, das Rudel wiederzufinden? Der treulosen Beaglefrau ist doch ihr Rudel sowas von schnuppe, erst recht der vermeintliche (!) Chef der ganzen Truppe, nämlich ich! WER ist denn hier notorisch abgängig?!

Ich mach mich doch hier nicht zum Oberaffen und lauf nachts durch die Pampa - !

 

Aber der Zeitpunkt zum Weggehen und Coolsein ist eben auch verpasst. Es reicht mir.

 

„Weil meine beiden Beine / Erfolglos müde sind, / Und weil ich gerade einsam bin, / Wie ein hausierendes Streichholzkind,

Setz ich mich in die Anlagen hin / Und weine.

Nun hab ich lange geweint./ Es wird ist schon Nacht; und mir scheint, / Der liebe Gott sei beschäftigt.“  - Joachim Ringelnatz,  auch schön. Und nicht minder tröstlich!

 

Ich stehe wieder auf,  laufe ein Stückchen hierhin und dahin und pfeife ein bisschen auf meiner blauen Hundepfeife. Würde ich doch wenigstens noch rauchen. Tu ich aber nicht. Gottseidank! Soll reichen, sich die Knochen im dunklen, feuchten Nebel zu ruinieren, da möge doch bitteschön wenigstens der Rest heil bleiben.

Das Mobiltelefon erwacht unvermittelt aus einem der vielen hiesigen Funklöcher. Das daheim den Fernsprechverkehr hütende Töchterlein verlangt zu wissen, wie die Aktien denn mittlerweile so stehen.

Ich zitiere sanft und weise (Tolstoi): „Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.“ Tochter knallt erbost das Telefon in die Ladeschale zurück.

Gut, denke ich – mit einem Male wieder trotzig -, dann eben Nietzsche: „Der Weg zu allem Großen geht durch die Stille.“

 

In der Stille indes, noch dazu in der nächtlichen, leider sternenlosen – wird mir bald die Zeit lang. In einem Anfall von Wagemut beschließe ich, doch noch ein wenig zu wandern, denn dieses untätige Rumsitzen raubt mir den letzten Nerv, und außerdem:

 

„Abendlich nur rauscht der Wald. / Alles geht zu seiner Ruh./ Wald und Welt versausen,

Schauernd hört der Wandrer zu, / Sehnt sich recht nach Hause.“ – Joseph Freiherr von Eichendorff, der alte Träumer.

Apropos: „So will ich treu verträumen / Die Nacht im stillen Wald.“

-What?- 

Nix da!, will ich nicht!, ich will heim, und zwar mit meinem Hund, aber sofort!!

Wütend stapfe ich bergan, mir langt’s, dieser dämliche Beagle, blöder Köter, mistige Töle, Jagdtrieb, Ohren auf Durchzug – wo sind wir denn hier!

Wieso muss man sich auch einen Beagle anschaffen! Es gibt hinreichend literarische Vorlagen dafür, es nicht zu tun! Zum Beispiel bei Eugen Roth:

„Von Wolf und Fuchs, nicht ohne Grund / Kommt man gewöhnlich auf den Hund./ Sieht doch der Laie selbst, der Schäfer-/

Hund ist ein Wolf - nur etwas bräver.“

Oder gar, einige Verse weiter: „Der Hunde fester Untergrund /Ist immer noch der Schäferhund!“

Ja, mit selbigem passiert Dir so eine Misere wie das hier auch garantiert nicht!

 

Ungefähr zehn Minuten später ist der heilige Zorn wieder verraucht. Ich lasse mich auf einen Stapel Abfuhrholz sinken. Es ist neun Uhr abends.

Um 21.30 Uhr, Georgia ist nun seit gut drei Stunden vermisst, versinke ich in Lethargie.

Um 21.40 Uhr, dicht neben mir ertönt ein grauenhaftes Krachen im Gebüsch, ist es aus mit jeglicher apathischer Anwandlung, der Geheimrat Goethe bedarf der angemessenen Beachtung, am besten mit dem Erlkönig: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind….!“

 

Es ist eine kapitale Bache, die durchs von fahlem Monde erhellte Grün bricht, nebst Freundinnen. Ich verhalte mich SEHR ruhig und krabbele unmerklich höher auf die toten Fichtenstämme. Schnaubend gräbt sie sich durch die nächste Wiese. Es schaudert mich. Wo ist mein Hund?!

 

21.55 Uhr: alles wieder ruhig. Zeit für ein Beckett-Zitat: „Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.“

Oh, oder dieses: „Wir werden alle verrückt geboren. Manche bleiben es.“ (aus: Warten auf Godot(!))

 

22.04 Uhr: ein zarter, eigentümlicher Laut dringt an mein müdes Ohr. Ich kann es zunächst gar nicht einordnen. Es erscheint ein Reh, es tritt aus dem Nebel in die Wiese ein. Einen Moment lang hatte ich gehofft, es sei meine Georgia. Hemingway: „To have and have not“.

 

Noch eine halbe Stunde, überlege ich, nun doch sehr verzagt, dann fahr ich nach Hause.

Wieso kann der Hund denn nicht einfach mal Laut geben! Und was ist denn jetzt aus dem Spurlaut geworden, diesem zuverlässigen akustischen Peilsystem?!

Keine Rehe, Hasen, sonstwas mehr da, dem man nachspringen kann?! Wann hab ich sie denn eigentlich zuletzt gehört? Vor einer Stunde vielleicht? Und klang sie nicht schon sehr heiser und erschöpft? Was, wenn sie sich verletzt hat? In einen kilometertiefen Schacht gestürzt ist? Von einer Klippe gefallen? Es gibt hier Schächte, ja, und Klippen auch!! Was, wenn ein herabfallender Ast sie erschlagen hat, oder die Schwester der dicken Bache sie meuchelte? Meine Georgia, die Schönste, Liebste und Beste, die man sich vorstellen kann!

Hierzu Rilke, mal wieder: „Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß.“

 

22.51 Uhr, langsam fang ich an zu frieren. Ich zieh mal die vergeblich drapierte Jacke wieder an. Sie ist leicht feucht vom Moos. In der linken Tasche finde ich zwei schwarze Käferchen, die sich wohl schon häuslich zur Nacht gebettet hatten.

 

Müden Schrittes begebe ich mich in Richtung Auto. Als Klassiker der Weltliteratur wäre nun Jack Kerouac hübsch, „Unterwegs“ heißt der Bestseller, in dem es - logo -vor allem um ein freies, ungebundenes Lebensgefühl geht.

„Die beiden Helden des Buches trampen, springen auf Güterzüge auf, fahren mit Greyhound-Bussen, auf Lkw-Pritschen oder mit gestohlenen Autos quer über den nordamerikanischen Kontinent“ und tun exakt das, wozu sie Lust und Laune haben. Dass meine arme, süße Hündin nun solcherlei Anwandlungen hegt, denke ich nicht – allein schon des Mangels an Schienen und geeigneten Fortbewegungsmitteln halber – aber….man kann nie wissen!

Der Erfindungsreichtum des Beagle an sich ist Legende.

In derartige Phantasterei versunken ins Auto steigend, verpasse ich es fast: in ihrem ganz besonderen ausgreifenden Schritt kommt, leise durchs Gras raschelnd, mit hängender Zunge, aber hocherfreut wedelnd, meine Georgia quer über die nebelverhangene Wiese auf mich zu. Sie ist völlig ausgepowert, nass vom abendlichen Tau und hat einen kleinen Riss im Schlappohr.

Und lacht über das ganze Beagle-Gesicht, als wollte sie sagen: „schön, dich zu sehen! Und, auch so viel Spaß gehabt wie ich…?“

 

Und jetzt?

Rainer Maria Rilke:  „Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, ich hatte grad im Traum an dich gedacht,“ oder lieber

Eduard Mörike: „Der Spiegel dieser treuen, braunen Augen / ist wie von innerm Gold ein Widerschein.“

Ach, am besten sagen wir’s mit Schiller: „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium…!“

 

Ab nach Hause! 

 

Fazit: Georgia hat geschätzte 25 km mehr auf dem Beagle-Tacho.

Ich habe wieder einmal immens an Erfahrung gewonnen.

Und um ein Haar hätten wir – gleichsam als Kollateralschaden -  noch zwei Käfer entführt!

 

Ein letztes Zitat: „Fortsetzung folgt“. Das war nun kein Literat, sondern ein Musiker: Wolfgang Niedecken.

Danke euch allen J 

 

 

J Marion Weigel, November 2014