...die Eder-Beagle(s)
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Die Schafherden-Geschichte

Bei uns gibt es nur noch matschige Feld- und noch schlimmere Waldwege, und deshalb gehen wir heute mal in A. spazieren.

Vier Hunde, drei davon mit, einer ohne Leine, sind hellauf begeistert. Wir kommen an ein paar Wiesen mit Kühen und Pferden, dann an einer Schafherde vorbei. Es sind schöne Schafe, nicht die dicken beigegrauen Wollschafe, sondern hübsche schwarze und helle Heidschnucken. Die Schafe machen das, was Schafe eben so machen, wenn Hunde kommen: sie laufen ein Stück weit weg. Sie flüchten nicht Hals über Kopf, sie laufen nur etwas schneller aus der Nähe meiner Hunde weg. Die natürlich auf dem Weg bleiben und sich kein bisschen für die Schafherde interessieren, schließlich ist rechts der Wald, und da könnten ja Rehe sein. Schafe sind für meine Hunde voll langweilig, wir hatten schon selbst welche zuhause. Zwei Männer legen letzte Hand an den Zaun. Sie schauen zu uns und machen offenbar ein paar Bemerkungen, lachen. Es klingt gehässig. Mir egal, ich achte nicht drauf, werde mich aber später noch daran erinnern.

Als wir um die Kurve biegen, steigen die Männer gerade in ein blaues Auto und fahren quer über die Nachbarweide weg. Hierbei hinterlassen sie tiefe Spuren.

 

Unser Spaziergang dauert noch rund eine Stunde, es ist ein kalter, nasser Tag, und obwohl wir uns in einem sehr beliebten Hundeauslaufgebiet befinden, ist außer uns kaum jemand unterwegs.

 

Die Runde führt uns durch Wald und Feld, und als wir uns einige Kilometer weiter uns langsam dem Ende der Wanderung nähern, stoßen wir erneut auf eine Schafherde. Es sind andere Schafe, aber offenbar der gleiche Besitzer. Es ist das gleiche Auto. Diesmal ist er offenbar allein und müht sich mit dem Schafzaun ab.

 

Wir sind noch etwa zweihundert Meter weit weg. Mein Rüde #2, etwas vorlaut, rennt in Richtung der Schafe und meldet sie mir, für den Fall, dass ich sie womöglich noch nicht gesehen hätte. Ich rufe ihn zurück, und er kommt sofort angeflitzt.

 

Da brüllt der Schafherdenbesitzer: „Hey ihr da!“ – er muss mich meinen, sonst ist ja keiner da-, „ich lass jetzt meine Hunde raus!“

 

Ich rufe zurück: „Alles klar!“ Als Landkind weiß ich, dass Schäferhunde, die ihrem Job nachgehen, keinen Spaß verstehen. Ich habe nicht vor, irgendwelche Hütehunde in ihren Kreisen zu stören, rufe meine Hunde zusammen und wechsele augenblicklich die Richtung. Mein Plan ist, großräumig an den Schafen vorbeizugehen, wie wir das schon mehrmals bei anderen behüteten Herden erfolgreich und ohne Schaden praktiziert haben.

 

Ich traue meinen Ohren nicht, als der Typ weiter brüllt: „…..kann sein, dass Sie mit ein paar Kötern weniger nach Hause kommt! Aber macht ja nichts, Sie haben ja genug!“

 

What the fuck - Ich, recht verwundert – woher diese Feindseligkeit, und warum? - rufe zurück: „wir gehen einen Bogen! Alles gut!“

 

Und er, ich glaube es ja nicht: „ Bisschen schneller, wenn ich bitten darf, sonst landen eure Dreckshunde bei mir in der Jauchegrube!“

 

Ich nehme meine Hunde, die zum Glück keinen Laut von sich geben, kürzer und beschleunige meinen Schritt. Wir machen uns entlang eines buckeligen Grasweges vom Acker. Dabei überlege ich, was das für ein Affe ist und was der für Hunde haben mag. Egal. Im Weggehen höre ich ihn noch ein paar Unflätigkeiten austeilen, sicher ist es gut, dass ich nicht verstehe, was er vor sich hin brummelt.

Es ist ein Mordsumweg, den wir gehen müssen, um den nötigen Abstand zu dem Schafskopfhalter einzuhalten, aber ich bin weit davon entfernt, mich mit einem bekloppten Bauern und seinen blutrünstigen Killermaschinen anzulegen, dazu sind mir meine eigenen Hunde zu lieb und zu teuer.

 

Aus dem Augenwinkel beobachte ich den Kerl, wie er seinen Schaff mit dem Zaun hat. Hunde indes sehe ich keine, aber wer weiß, vielleicht sind sie irgendwo abgelegt oder noch in dem Auto. Obwohl das schon ungewöhnlich ist. Schließlich muss er die Schafe kontrollieren, während er alleine die Schafsnetze aufbaut. Hm.

Egal. Ich bin naß, ich bin müde, und meine Hunde allmählich auch. Nach 35 weiteren Minuten gelangen wir an unser Auto. Meine alte Hündin sinkt seufzend auf ihre Decke.

 

Das dumme ist, ich merke es jetzt erst: wenn ich den asphaltierten Feldweg nehmen will, muss ich an dem irren Schafstypen vorbei. Ich hadere eine Weile mit mir selbst. Ich trödele noch ein bisschen herum, aber irgendwann gibt es einfach keine Wahl mehr. Um nicht über den Grasweg fahren zu müssen, mache ich mich notgedrungen auf in Richtung meiner Nemesis in Gestalt dieses blöden Schafhalters. Wohl ist mir dabei nicht, ich hasse es, jetzt da lang zu müssen.

 

Er parkt natürlich mitten auf der Gasse. Will ich nicht durch die frisch umzäunte Schafherde pflügen, muss ich warten.

Er zieht gerade eine Stromlitze durch sein Netz. Übersehen kann er mich nicht, und will es auch nicht. Schon marschiert in seinen Gummistiefeln auf unser Auto zu. Meine Hunde fangen an zu kläffen, was auch sonst.

Ich fahre das Fenster herunter und äußere devot, sorry, aber das ist der einzige Weg…

Das scheint leider Wasser auf seine Mühlen zu sein. Er blafft mich an, wenn ich mit meinen Scheißhunden schon nichts Besseres zu tun hätte, als quer durch seine Wiese zu laufen, sollte ich ihn mal wenigstens nicht noch von der Arbeit abhalten.

Da weht mich ein Hauch Abenteuerlust an. Ich meine doch, dass es Grenzen gibt. Auch für mittelhessische Schafbarone. Außerdem habe ich nichts falsch gemacht. Ich stelle den Motor ab. Ich nehme sozusagen den Fehdehandschuh auf. Dazu steige ich aus dem Auto, was ihn offenbar völlig aus der Fassung bringt. „War da nicht noch irgendwas mit Ihren Hunden?“ frage ich, betont entspannt.

Wo auch immer sie sich aufhalten mögen - hier sind sie jedenfalls nicht. Auch nicht in dem verbeulten Opel Meriva. Dass mich das ja wohl einen feuchten Kehricht angeht, sagt er mir. Die Antwort ist jetzt keine Überraschung!

 

Ich baue mich vor dem ältlichen Männchen auf und erkläre ihm, dass ich nicht durch das matschige Feld fahren möchte, das sei doch wohl ganz in seinem Sinne, so als Großgrundbesitzer?

 

Das ist zuviel für ihn. Er faltet mich nach Strich und Faden zusammen, und zwischendurch fällt sein Blick auf meinen Autoaufkleber. LaborBeagleHilfe e.V. prangt da, in nicht zu kleinen Buchstaben.

Er stutzt, fasst mich ins bösartig  funkelnde Auge und deutet zu meinem Kofferraum, in dem die Hunde immer noch ausflippen. „Sie! Sind das etwa solche Versuchshunde!“

Ich erwarte eigentlich, dass sich das Blatt nun wendet. Das ist nämlich oft so, wenn Leute erkennen, hier handelt es sich um jemanden mit Tierschutzwillen und Hunde aus dem Labor. Meistens lässt sich die erste Hürde schnell überbrücken, und am Ende plaudert man nett über die armen Labories und was wir doch alle für gute Tierfreunde sind. Meistens wird mein Hundekleeblatt dann auch noch gelobt, sie hören nämlich, wenn’s drauf ankommt, überraschend gut.

Nicht heute. Nee, da kenne ich den Typen aber schlecht!  Er zetert los, dass sich so einen Schwachsinn ja wohl auch nur Frauen ausdenken können, vergast gehören die Scheißköter, und nicht auch noch auf die Menschheit losgelassen!

 

Das ist der Augenblick, wo es mir reicht. Ich habe, im Gegensatz zu meinem Gegenüber, eine gute Kinderstube genossen und sage daher nicht das,  was mir schon durch den Sinn ging, als er uns zum Umweg zwang. Das wäre etwas wie „du blödes Arschloch“ verbunden mit dem Ratschlag, wohin er sich seine verkackten Schafe hinstecken könne,  gewesen.

Nein. Ich bin von Berufs wegen die Begegnung mit hirnamputierten Cholerikern gewohnt und lasse mich nicht provozieren. Außerdem ist mir bei seiner Tirade etwas Interessantes aufgefallen. Ich empfehle dem Rumpelstilzchen also, sich zu mäßigen und sein Auto an den Rand zu fahren (was locker machbar ist), denn damit wäre er uns auch schon los und könne weiterwerkeln.

Ich frage mich, ob er mich gern schlagen würde. Bestimmt. Aber ich bin – obwohl ich eine Frau bin - einen ganzen Kopf größer als er, sehe wohl nicht ganz unfit aus und meine Unerschrockenheit verunsichert ihn. Deshalb und mit dem bedauerlichen, offenkundigen Manko seiner abwesenden Hunde (es gibt sie sicher, aber sie sind – leider, leider – nicht da) hat er irgendwie schlechte Karten, und das macht ihm noch miesere Laune.

Er trollt sich fluchend in sein Opagefährt und zirkelt mit aufheulendem Motor und spritzendem Kies an den Wegesrand. Ich fahre moderat an, nicke noch mal  freundlich, und schon bin ich vorbei. Ich bin sehr erleichtert.

 

 Hinter der nächsten Biegung halte ich wieder an und führe mittels Handy ein Telefonat. Der Polizist am anderen Ende der  Strippe notiert sich meine Personalien, Ort und Uhrzeit, dazu Fahrzeugtyp und Kennzeichen von dem Schafe-Mann und hört sich meine Sachverhaltsschilderung und die Personenbeschreibung an.  Ja, selbstverständlich würde ich mich sehr gern als Zeugin zur Verfügung stellen. Nein, Anzeige will ich nicht erstatten (ich weiß, dass es ausgehen würde wie das viel zitierte Hornberger Schießen), aber ich möchte ja vor allem nicht, dass der Mann Auto fährt, betrunken, wie er ist. Was da alles passieren kann! Und leider, leider – jetzt lüge ich ein bisschen -, konnte ich ihn ja nicht davon abhalten, loszufahren, so als Frau und bei der ganzen Aggression und alles. „Ach, der Herr X.!“ sagt der Polizeibeamte und pfeift auf den Datenschutz, „ja, der rasselt gern mal mit jemand aneinander!“ Er schickt eine Streife.

Als ich auf der Landstraße unterhalb der ganzen Felder bin, sehe ich, wie der blaue Opa-Opel anfährt und sich Richtung B. aufmacht. Da es jetzt auf zehn Minuten auch nicht mehr ankommt, bleibe ich auf einem Parkplatz stehen, beobachte, in welche Richtung der Schafsmann abbiegt, rufe nochmal bei der Polizei an und gebe diese Information weiter.

Ein paar Minuten später kommt mir ein Streifenwagen entgegen. Ich wende und fahre gemächlich in die Richtung.

 

Ungefähr zwei Kilometer weiter sehe ich das Polizeiauto wieder, es hält hinter dem Rumpelstilzchenmann, der heute vielleicht mit der Falschen aneinandergerasselt ist. Der Alkoholtest verläuft todsicher positiv.

Das bestätigt mir auch der Kollege von der Wache, der später am Abend noch bei uns anruft und einige Details erfragt.

 

Rache ist wirklich sehr, sehr süß.

 

P.S.: Wenn Hunde da gewesen wären, wäre ich übrigens brav im Auto geblieben und hätte vermutlich sogar den Rückwärtsgang eingelegt. Ich bin ja nicht doof.