...die Eder-Beagle(s)
...die Eder-Beagle(s)

Dr. Jekyll & Mr. Hyde

 

Mikey ist zu Hause ein sehr lieber Hund. Er schläft viel, macht nichts kaputt, ist (besonders bei Geräuschen) sogar ängstlich. Mittlerweile ist er auch ein richtig charmanter Schmuser, und er hat einige Besonderheiten, die einem das Herz schmelzen lassen. Er ist glücklich über jede Zuwendung, er flippt vor Freude aus, wenn es Zeit ist, Gassi zu gehen. Ich liebe Mikey.

Draußen…..ist Mike ein anderer.

Er rast manchmal derart in die Leine, dass ich in Gedanken nicht nur das Geschirr (und die Leine), sondern auch schon Knochen und Sehnen reißen höre.

Wenn Mike eine Spur hat (und er findet immer eine), schaltet er die Außenwelt komplett ab. Es gibt dann nur noch MIKEY und DIE SPUR. Er rast in einem Affenzahn in wahnsinnigem Zickzackkurs über die Wiese (oder was immer), hat das Gesicht voller Stressfalten und klingt wie eine Dampflok. Mittendrin fängt er an zu kreischen. (Als Auslöser muss nicht mal eine Wildspur da sein, es genügen kreisende Vögel am Himmel. Das macht es dann richtig doof. Weil ich auch noch ein Auge nach oben richten muss….)

DAS schreckt dann die anderen beiden auf, und sie sausen erst mal ein paar Meter in die Richtung, in die Mike kreischt. Meistens brechen sie ihr Vorhaben dann wieder ab, aber manchmal gehen eben auch drei Beagle unvermittelt nach vorn.

Ich kann rufen, pfeifen, locken, brüllen, zerren, auf und ab springen – ich könnte dann auch ein Rad schlagen, das kriegt er gar nicht mit.

Mikey gehört zu der Sorte Jagdhund, die auch mit gebrochenem Bein noch weiter rennen und keinen Schmerz verspüren, solange das Adrenalin Wellen schlägt.

Täglich kontrolliere ich Leine, Karabiner, Sicherungsstück und Geschirr auf schadhafte Stellen. Der Verschleiß ist hoch. Kein Wunder, die Belastung ist ja auch enorm.

Die Belastung für meinen und Mikeys Bewegungsapparat aber auch. Neuerdings gibt es Tage, an denen ich nicht mehr die Arme heben kann, weil ich beidseitig Sehnenscheideentzündung habe.

Mikey ist nicht besonders groß (40 cm) oder schwer (18 kg), aber er besteht nur aus Muskeln. Und er entwickelt in seinem Vorwärtsdrang eine Kraft, die mich bei ungünstigen Umständen (Untergrund, abschüssiges Gelände) nicht nur einmal schon von den Beinen geholt hat. Am schlimmsten ist es, wenn er urplötzlich die Richtung wechselt. Eben noch volle Kraft voraus, ist er total unvermittelt auf einmal in der Gegenrichtung unterwegs – mit genauso voller Kraft. Unberechenbar und richtig nervig. Und geht es nicht sogleich weiter, rollt er sich wie ein Kampfsportler über die Schulter ab, und versucht, sich auf dem Rücken wälzend, die Leine loszuwerden und/oder den Karabiner zu öffnen (das hat schon zwei mal funktioniert! Seit dem habe ich aber ein Sicherungsstück eingebaut. Es werden ja wohl nicht beide Karabiner zugleich nachgeben…..!)

Ich bin ziemlich groß (knapp eins achtzig) und auch nicht gerade schlank. Und: Hey, das ist ein Beagle! Es kann doch nicht sein, dass der mit mir spazieren geht - ich gehe mit dem Hund! Und trotzdem komm ich mir manchmal vor wie so eine Windfahne, die hinten dran hängt.

Ich bin es leid, gründlich. Ich möchte nicht, dass mittlerweile so gut wie jeder Spaziergang zu einem Kräftemessen zwischen Mike und mir wird; Buddy – die auch an der Leine hängt - dauernd herumgeschubst wird und ich am Ende vor Zorn platzen möchte.

Was tun?

Jeder Hundetrainer wendet sich mit Grauen von Mikey ab.

Das Antijagdtraining stagniert hartnäckig an dem Punkt, wo das Zurückkommen unter Ablenkung trainiert wird. Das Clickertraining mit Mike ist grandios gescheitert, weil Mike fürchterliche Angst vor dem Klickergeräusch hat. Aber auf ein Zungenschnalzen reagiert er sehr gut, und er steht auch sofort erwartungsvoll vor mir, wenn er es hört.

Wenn er es hört. Im Kreisch- und Jagdmodus hört Mikey aber nichts mehr.

Tja.

Vielleicht fangen wir das Leinentraining am Besten noch mal von Grund auf an. Er zieht – ich bleibe stehen. Leine locker – wir gehen weiter. Erneutes Ziehen? = Wieder Stehenbleiben. Ihr wisst schon, was ich meine….

Je weiter uns wir von Feld und Wald entfernen, desto ruhiger wird Mikey. Man sieht es ihm richtig an: er ist hin- und hergerissen, möchte weiter den Spuren nach und noch mehr Zickzackraserei machen….aber dann entspannt er sich merklich, mit jedem Meter näher an Zuhause.

 

Aber es kann ja nicht die Alternative sein, nun nur noch in urbanem Gebiet Gassi zu gehen! Mike & Buddy lieben diese Schnüffelei und sollen sie ja auch haben. Nur, dass es bei Mikey so extrem ist, dass er sich geradezu in einen Rausch schnuppert und mich kein bisschen mehr wahrnimmt.

 

Erschwerend kommt hinzu, dass Mike eine seltsame Verhaltensweise an den Tag legt, wenn uns andere Hunde entgegenkommen: er duckt sich, schleicht sich an. Es wirkt aggressiv und sehr dominant, ich bin sicher, andere Hunde fühlen sich provoziert. Ist die Distanz auf unter zehn Meter geschrumpft, donnert Mike los. Je nachdem, wie die Umstände sind, kann ich ihn rechtzeitig stoppen, manchmal aber auch nicht. Dann keift er sein Gegenüber an, dass einem Angst und Bange wird. Manchmal kennt er den „gegnerischen“ Hund, dann ist alles gut. Wenn er ihn nicht (er-)kennt, muss ich sehen, dass ich mit der Beagle-Bande mittels schnellem Rückzug Land gewinne. Ich denke nicht, dass das dann sonderlich kompetent aussieht…..

 

Das Fatale daran ist: Zumindest Georgia hat sich diese Verhaltensweise – sehen, lospreschen, keifen – schon abgeschaut.

 

Und ich möchte mich, ehrlich gesagt, nicht jeden Tag komplett zum Affen machen…..

 

Sobald wir unser Hoftor hinter uns geschlossen haben, schaltet Mike wieder um. Dann ist er wieder der liebe Dr. Mikey Jekyll…..und man steht da, schüttelt den Kopf und kann es nicht glauben.

 

Fazit: Ich werde mich verstärkt um Abhilfe kümmern!